dösen...
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Herdentier wie das Pferd in der Gruppe in freier Wildbahn auf der Suche nach Futter und Wasser täglich im Normalfall zwischen 5 und 20 km zurücklegt - in besonderen Fällen sogar bis zu 50 km - dann bleibt für mich eigentlich nur eine Haltungsform übrig, die ich meinem Pferd zumuten möchte:
die Offenstallhaltung
verbunden mit täglichem Weidegang und ganztägigem Zugang zu entsprechend aufbereitetem, qualitativ hochwertigem Raufutter. Von Pferd zu Pferd unterschiedlich - grade bei Robustrassen - kann es auch angebracht sein, dass man nicht Heu ad libitum, sondern die tägliche Heuration portionsweise über den Tag verteilt, anbietet. Das Heu sollte vor andauernden Witterungseinflüssen wie Regen zB durch Überdachungen geschützt werden, da ansonsten die Gefahr einer Schimmelbildung besteht. Engmaschige Heunetze tragen dazu bei, dass die Pferde nicht schlingen können und sich damit die Fresszeiten und damit auch die Beschäftigung über mehrere Stunden ausdehnen lassen, und somit eine möglichst natürliche Nahrungsaufnahme - angepasst an den dafür ausgerichteten Verdauungstrakt - simuliert werden kann.
In dir muss brennen,
was du in anderen entzünden willst.
Aurelius Augustus
Offenstallhaltung ist eine der natürlichsten Haltungsformen - sofern man davon überhaupt sprechen kann bei unseren domestizierten Partnern. Sie versucht eine möglichst naturnahe Lebenssituation für das Pferd zu schaffen, auch wenn die Herdenstruktur in der Natur eine ganz andere wäre (Stichwort "Familienverband"). Jedoch ist die Haltung von Tieren und ihr "nutzen" durch den Menschen eben mit bestimmten Abstrichen verbunden. Trotz dieser Abstriche nimmt die durchdachte Offenstallhaltung Rücksicht auf die Bedürfnisse des Pferdes und wäre sicher für Gros der Pferde in "Gefangenschaft" die vertretbarste Art der Haltung. Die Pferde leben - wie es ihrer Natur als soziale Herdentiere entspricht - in Gruppen auf der Weide bzw. in einem großläufigen Paddock. Sie können ihr Bewegungsbedürfnis ungehindert ausleben. Als Schutz bei schlechtem Wetter und Hitze steht ihnen ein Unterstand bzw. Laufstall zur Verfügung, wohin sie sich jederzeit zurückziehen können.
Unterwegs...
Nun ist Offenstall nicht gleich Offenstall! Es gibt ein paar Dinge, auf die man unbedingt achten muss, damit Verletzungen und Krankheiten sowie psychischer Stress ausbleiben:
Um Rangstreitigkeiten genügend Raum zu geben, ist es wichtig, dass der Offenstall so konzipiert ist, dass für die Pferde die Möglichkeit besteht, einander aus dem Weg zu gehen bzw. dass ausreichend (weiche) Liegeflächen zur Verfügung stehen, wenn die Pferde sich ausruhen möchten. Fingerspitzengefühl bei der Gruppenzusammenstellung ist notwendig, damit kein Individuum benachteiligt ist oder unter permanenten Stress leidet, ebenso kann eine Begrenzung der Pferdeanzahl oder Trennung der Geschlechter je nach Gruppendynamik angebracht sein. Ständig fluktuierende Pferdebestände sollten vermieden werden, damit sich ein stabiles Herdengeflecht entwickeln kann.
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Aristoteles
Man sollte dafür sorgen, dass ausreichend Raufutter an unterschiedlichen Plätzen zur Verfügung steht, um Streitigkeiten vorzubeugen und um den rangniedrigen Tieren eine ungestörte Futteraufnahme zur ermöglichen. Daneben bietet diese Variante der Heufütterung den Pferden auch die Möglichkeit, sich zwischen den einzelnen Standplätzen zu bewegen. Wer Pferde schon mal auf der Weide beobachtet hat, wird feststellen, dass jedes einzelne von ihnen nicht statisch an einem Ort grast. Pferde bewegen sich stetig weiter und dadurch kann die Verdauung und damit verbundene Darmperistaltik optimal arbeiten.
Herdenleben
Damit Krankheitserreger keinerlei Angriffsfläche vorfinden, ist es obligatorisch, dass der Stall trocken, sauber und gut belüftet ist. Vor Zug sind Pferde insofern zu schützen, dass man sie ihm nicht punktuell aussetzt. Gegen Luftbewegungen, die den ganzen Körper betreffen sind sie aber sehr widerstandsfähig. Ein befestigtes Paddock sorgt dafür, dass die Pferde immer einen festen Untergrund vorfinden, der sich nach Regenfällen nicht in eine Schlammgrube verwandelt. Die Luxusvariante ist ein drainagierter Boden mit sandbefüllten Kunststoffrastern oder ähnlichem, aber man kann sich auch mit Alternativen behelfen. Bei Hackschnitzel oder ähnlichem ist Vorsicht geboten, da sich hier Pilze und andere Keime ansiedeln.
Es gibt nur eine Sache auf der Welt,
die teurer ist als Bildung - keine Bildung.
John F. Kennedy
Optimal ist natürlich wenn der Stall in einzelne Funktionsbereiche untergliedert ist, wo die Pferde zum Befriedigen ihrer Grundbedürfnisse (Fressen, Trinken, Wälzen, Ruhen,...) die größtmöglichen Wege zurücklegen müssen. Das sorgt in Verbindung mit dem Weidegang dafür, dass sie sich annährend selbst soviel Bewegung im Schritt verschaffen, wie sie es in freier Natur tun würden, da sie dadurch Bewegungsanreize erhalten (Stichwort "Paddock paradise"). Ausreichend Bewegung in langsamem Tempo ist unabdingbar für ein physisch und psychisch gesundes Pferd.
Paddock-Impressionen
Wenn diese grundlegenden Dinge beachtet werden, so ergeben sich bei der Offenstallhaltung fast nur Vorteile für das Pferd:
Offenstallpferde, die in einer harmonischen Gruppenzusammenstellung leben, sind in der Regel ausgeglichener als ihre Boxenverwandten. Durch ständigen Sozialkontakt untereinander kommt es zu einer klaren Herdenstrukturierung, was jedem einzelnen Pferd Sicherheit gibt und ihrem Naturell entspricht. Verhaltensstörungen wie Koppen, Weben oder Boxenlaufen etablieren sich erst gar nicht, wenn man auf eine pferdeoptimierte Haltung bedacht ist. Meist treten solche Störungen bei Boxenpferden auf, die sich in Stresssituationen nicht anders zu helfen wissen. Mit derlei Stereotypien versuchen sich die armen Kreaturen ein Ventil zu schaffen den Stress, dem sie offensichtlich ausgesetzt sind (fehlender Sozialkontakt, falscher Boxennachbar, inadäquate Fütterung, Langeweile) zu kompensieren. Es kommt zu einer Ausschüttung von Hormonen, welche das interne Belohungssystem aktivieren. Es grenzt deshalb auch an Tierquälerei, Pferde durch mechanische Fixierung wie Koppriemen an ihrem Stressabbau zu hindern. Hier sollten tunlichts die Haltungsbedingungen und gesundheitliches Aspekte überdacht werden.
Man muss viel gelernt haben, um über das,
was man nicht weiß, fragen zu können.
Jean-Jacques Rousseau
Die Möglichkeit sich ständig bewegen zu können, wirkt sich auf viele Bereiche positiv aus. Zu einem ausgeglichenem Temperament kommt eine robuste Gesundheit. So gehaltene Pferde sind meist weniger krankheitsanfällig und verfügen über eine gute Hufqualität (sofern nicht beschlagen). Die unterschiedlichen Feuchtigkeitsgehalte auf ständig wechselnden Böden tragen zu einem optimalen Hufwachstum bei.
Freundschaften können sich entwickeln
Auch sogenannte "Kaltstarts" gibt es in dieser Form nicht, auch wenn das Pferd entwicklungstechnisch sogar dafür gewappnet wäre wie zB in Fluchtsituationen in freier Natur. Allerdings sollte man es nicht darauf ankommen lassen und bestrebt sein, dem Pferd durch die Möglichkeit der ständigen Bewegung eine optimale Schmierung der Gelenke und Versorgungseffizienz der sogenannten Synovialflüssigkeit (Flüssigkeit in de Gelenken) zu verschaffen. Selbstverständlich kommt dies auch den Bändern und Sehnen und vielen anderen Einrichtungen im Organismus zugute.
Dazu kommt, dass sich ein Pferd im Offenstall jederzeit an der frischen Luft aufhalten und seinen für den Stoffwechsel essentiellen Lichtbedarf decken kann. Dinge, die ihm oftmals mit der konventiellen Boxenhaltung nicht ermöglicht werden können, wie ich auch schon bei anderen Pferden festgestellt habe (zB beim Fellwechsel).
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.
Johann W. von Goethe
Den einzigen Nachteil, den ich als Offenstallfan wirklich anerkennen muss, ist, dass eine individuelle Raufuttergabe schwierig umzusetzen ist, wenn man kein Freund der Futterautomaten ist. Eine Heurationierung über den Tag ist arbeitsaufwändig, Heufütterung ad libitum wird wiederum nicht von jedem Pferd vertragen. Hier gilt es eventuell die Gruppenzusammenstellung so zu gestalten, dass man den Ansprüchen der einzelnen Pferde gerecht wird. Der Fütterung mittels Heufütterungsautomaten stehe ich skeptisch gegenüber, da sie den Pferden kaum ermöglicht gemeinsam zu fressen, wie sie es naturgemäß vorziehen. Nichtsdestotrotz überwiegen für mich die Vorteile dieser Haltungsform, den Nachteil kann man mit entsprechendem Aufwand kompensieren.
unbeschwertes Spielen
Für mich persönlich reicht es eigentlich, dass ich, wenn ich mein Dinchen anschau, ein aufgewecktes, gesundes und offensichtlich glückliches Pferd sehe. Früher hatte ich meine Pferde auch immer in Boxen untergebracht - heute käme das niemals mehr in Frage. Ein durchdachtes Offenstallkonzept berücksichtigt die Bedürfnisse des einzelnen Pferdes. Offenstall muss nicht zwangsläufig gemeinsame Ruheflächen bedeuten. Ich finde es eine sehr gute Lösung, wenn den einzelnen Pferden eigene Ruheplätze (Boxen) zur Vefügung stehen, wohin sie sich zurückziehen können. Ein an die Boxen angeschlossenes Gemeinschaftspaddock ermöglicht dennoch ein Herdenleben, wo die Tiere Sozialkontakte über den Tag pflegen können.
Wenn Ihr aufhört, das Falsche zu tun,
geschieht das Richtige wie von selbst.
F. M. Alexander
Rassebedingt gibt es nämlich gewaltige Unterschiede was die Individualdistanz des einzelnen Pferdes angeht. Ponys leben meist in engeren Herdenverbänden als hochblütige Pferde. Die Bedürfnisse von alten und rangniedrigen Pferden werden oftmals auch mit dieser Form der Unterbringung besser befriedigt. Indem die einzelnen Gruppenmitglieder einen Rückzugsort vorfinden, können auch sie die Vorteile der Gruppenhaltung genießen, ohne dass sie ihrem Ruhe- und Liegebedürfnis nicht ausreichend nachkommen können. Auch kann sich dieses Prinzip als vorteilhaft erweisen, sollte ein Pferd krankheitsbedingt Boxenruhe verordnet bekommen. Trotz Separierung in der Box nimmt es noch am Herdengeschehen teil, weil rundherum das Treiben weiterhin seinen Lauf nimmt. Für viele Pferde wäre dies wohl die stressfreiere Form der Offenstallhaltung.
Abendfütterung
Nur in wenigen Fällen ist eine "Einzelhaltung" bzw. Boxenhaltung mit angeschlossenem Paddock und täglichem Weidegang in Kleinstgruppen überlegenswert oder sogar vorzuziehen:
Außerdem muss man sich bewusst sein, dass Offenstalllpferde in der Regel nicht geschoren werden. Der damit verbundene Aufwand beim Trockenreiten und das Rücksicht-Nehmen beim Arbeiten ist vielen Pferdebesitzern zu mühsam.
Wer die Wahrheit nicht kennt,
ist nur ein Dummkopf.
Wer sie aber kennt, und sie eine Lüge nennt,
ist ein Verbrecher.
Galileo Galilei
Nichtsdestotrotz: Diese Abstriche bin ich gerne bereit in Kauf zu nehmen - meinem Pferd zuliebe. Dinah wächst in einer gemischten Herde mit gleichaltrigen Spielgefährten auf, und genießt das Leben. Die Integration in die Herde war kein Problem in ihrem Alter. Weit verbreitet ist auch, dass Stutfohlen nicht "spielen" und deshalb keine Altersgenossen benötigen. Eine Erfahrung, die sich mit meiner nicht deckt. Dinah war ein ausgesprochen aufgewecktes Fohlen, das viel gerangelt hat und gelaufen ist. Mit Sicherheit spielen Stutfohlen aber im Großen und Ganzen anders als Hengstfohlen. Ich finde es dennoch schön, wenn ihnen neben der gemischten Herde ein gleichaltriger Spielkumpel zur Verfügung steht.
Gemeinsam rennen...
Wenn ich aber in fremden Ställen zu Gast bin, dann bekomm ich teilweise eine Gänsehaut davon, zu welch einem Dahinvegetieren das Bewegungstier Pferd verdammt wird. In eine kleine Box gepfercht, ohne die Möglichkeit seinen natürlichen Bedürfnissen nachzukommen und isoliert von seinen Artgenossen. Koppende, webende und allgemein verhaltensauffällige und schwierige Pferde sind in solchen Ställen ein alltägliches Bild. Oft muss ich die Tränen runterschlucken, wenn ich die bedauernswerten Kreaturen 23 Stunden in ihrem Wohnklo dahinsiechen sehe - umgeben von Gitterstäben und muffigem Gestank - ehe sie dann einzeln in der Reithalle gescheucht werden, damit sie Bewegung bekommen. Sicher findet bereits ein Umdenken statt, aber leider gehören solche Bilder immer noch zum Alltag. Man stelle sich nur mal einen Dackel vor, den man in eine Schuhschachtel sperrt. Das würde niemandem in den Sinn kommen, aber bei unseren Pferden denken wir darüber nicht nach.
Artgerechte Haltung ist für deren Besitzer ein Fremdwort, stattdessen nehmen diese unzumutbare Wohnsituationen (eher würde ich schon von Zuständen sprechen) für ihren ach so geliebten Vierbeiner als Standard hin.
Mit leerem Kopf nickt es sich leichter.
Zarko Petan
Wie kann es sonst sein, dass nach wie vor Ställe, die nicht einmal über ausreichend Weiden bzw. überhaupt über Weiden verfügen, sich keine Sorgen um Einsteller machen müssen? Da werden Springplätze zweckentfremdet und mickrige Gatsch-Paddocks als Auslaufmöglichkeit angesehen, wo Pferd nicht mal zu einem ordentlichen Galopp ausholen kann! Und das Ganze womöglich noch in Einzelhaft! Das alles nur zugunsten einer Reithalle, einer Schrittmaschine oder eines Solariums - die kurzmöglichste Distanz in den Stall und der Leistungsgedanke stehen ja im Vordergrund. Aber wen kümmern die armen Seelen? Da ist doch etwas ganz gehörig schief gelaufen, in der Einstellung der Menschen, wenn wir - großteils Freizeitreiter - das nicht hinterfragen bzw. diese Zustände auch noch mit allen möglichen Floskeln schönreden.
Ich habe Glück, einen Platz gefunden zu haben, wo viele meiner Kriterien in der Praxis Anwendung finden. Dinah gehts gut. Ihr steht jederzeit Raufutter zur Verfügung, ausreichend Weidefläche zum Toben und altersgerechte Gesellschaft - für mich essentielle Parameter für ein Pferd im Wachstum. Vielen bietet sich so eine tolle Möglichkeit gar nicht, sodass sie gezwungen sind, Kompromisse einzugehen, worunter meist das Wohl des Vierbeiners leidet. Für so einen Platz nehm ich auch gerne die fehlende Halle und die 25 min. Anfahrt in Kauf - immerhin möchte ich nicht, dass mein Pferd physisch und psychisch verkümmert. Ich hoffe, dass Dinah auch später mit der Fütterung klarkommt und aufgrund des ständigen Heuangebots nicht verfettet - leider ein Problem bei Robustpferderassen, welches mich zukünftig als Haflingerbesitzerin durchaus beschäftigen könnte. Dann müsste ich nämlich im Hinblick auf ihre Gesundheit wohl oder übel über eine Alternative nachdenken.
Ich hoffe, dass die durchdachte Offenstallhaltung in den nächsten Jahren eine noch größere Verbreitung erfährt, um so noch mehr Pferden den Genuss eines möglichst artgerechten Lebens zu ermöglichen, ihnen mitunter das bestmögliche Leben zu bieten, das sie in unserer menschendominierten Welt in Gefangenschaft führen können.
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