...versuchen wir Marlitt Wendt (www.pferdsein.de) zu uns in die Steiermark zu holen. Zum Glück hat es heuer wieder geklappt, und wir konnten genügend Interessenten zusammentrommeln, um Marlitt einzufliegen ;).
Der 2. Kurs (Bericht zum 1. Kurs mit Marlitt Wendt) sollte unter dem Deckmantel "Moderne Klassik - An der Hand und unter dem Sattel" stattfinden. Ein Kurs in dem Clickerfans oder solche, die es noch werden wollen, die Möglichkeit finden sollten, gymnastisch wertvolle Lektionen und Übungen unter Einsatz der positiven Bestärkung bzw. des Clickers zu erarbeiten bzw. auszubauen und zu verfeinern. Heuer war ich als Organisatorin mit von der Partie - gemeinsam mit meiner lieben Freundin Verena.
Eine Investition in Wissen bringt noch immer die besten Zinsen.
Benjamin Franklin
Wir schauten uns also nach einer entsprechenden Kurslocation um, welche zentral für alle Interessenten liegen und erschwinglich sein sollte, ebenso über eine entsprechende Infrastruktur (Halle, Gastboxen, Seminarraum, Auslaufmöglichkeiten) und ein angenehmes Umfeld ohne Verkehrslärm verfügen sollte. Dabei stießen wir auf den Föllinghof in St. Marein bei Graz (www.foellinghof.at), welcher von Kathrin Auer und ihrem Mann bewirtschaftet wird. Nach zweimaliger Begutachtung befanden wir das Anwesen für unsere Zwecke als absolut geeignet, und wir haben es rückblickend nicht bereut uns nach dem letzten Jahr um einen neuen Veranstaltungsort umgesehen zu haben. Man war vor Ort stets um eine liebevolle Versorgung und geeignete Unterbringung der Vierbeiner bemüht und selbst für Extrawürstel und kurzfristig auftauchende Individualitäten fanden wir immer ein offenes Ohr. Kurzum: Wir sprechen dem Föllinghof ein großes Lob und herzliches Danke aus und werden - sofern weitere Kurse stattfinden - gerne wieder zurückkehren.
Glaubt nicht dem Hörensagen und heiligen Überlieferungen,
nicht Vermutungen oder eingewurzelten Anschauungen,
auch nicht den Worten eines verehrten Meisters;
sondern was ihr selbst gründlich geprüft
und als euch selbst und anderen zum Wohle dienend
erkannt habt, das nehmt an.
Siddhartha Gautama
Mit der passenden Kurslocation in der Tasche, 9 Mensch-Pferd-Paaren und einigen Theorieteilnehmern starteten wir mit Marlitt in das Wochenende. Das Kernthema des Kurses war die Etablierung eines Keep-Going-Signals, welches sich grade für die Arbeit mit dem Clicker als sehr vorteilhaft erweist, da es als positives Feedback eingesetzt werden kann, ohne, dass das Verhalten schlagartig beendet wird (wie es der Click nach sich zieht). Es bedeutet soviel wie: "Ja genau, du bist auf dem richtigen Weg, aber mach noch etwas weiter - dann bekommst du einen Click!". Haben die Pferde die Bedeutung dieses Signals erst mal verstanden, wird es wesentlich leichter Bewegungsabläufe zu belohnen oder zu verfeinern, ohne ständig den Bewegungsfluss unterbrechen zu müssen.
Freitag, 7.10.2011
Als Einstieg gab es eine kleine Vorstellrunde. Danach folgte sogleich die erste Praxiseinheit. Marlitt hatte für heuer 3 Praxiseinzeleinheiten und lediglich 2 Praxiseinheiten in 2er-Gruppen pro Mensch-Pferd-Paar vorgesehen. Die Kurstheorie - in diesem Fall das Kernthema "Keep-Going-Signal" - wurde im Gegensatz zum letzten Jahr auf 2 x je 1 Stunde für Samstag und Sonntag zusammengerafft. An den 2 Vormittagen nach der Theorieeinheit arbeitete Marlitt mit 2 Paaren parallel in der Halle, während sie sich an den 3 Nachmittagen um jedes Paar einzeln kümmerte. Ich empfand diese neue Zeiteinteilung um einiges angenehmer und strukturierter als im Vorjahr, da man sich eher an einem roten Faden orientieren konnte. Natürlich war die Gruppe mit insgesamt 12 Teilnehmern auch wesentlich überschaubarer und noch persönlicher als letztes Jahr, wo um die 20 Leute dabei waren. Und auch das Kursthema war diesmal nicht ganz so allgemein gefasst.
So gnädig wie der Wettergott war, hatte er für uns am Freitag Regen aus Kübeln vorgesehen. Entsprechend kalt und feucht war es auch, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch.
Humor ist eines der besten Kleidungsstücke,
die man in Gesellschaft tragen kann.
William Shakespeare
In der ersten Einheit begutachtete Marlitt, wo die Teilnehmer ausbildungstechnisch mit ihren Pferden stehen/standen, um dann daran anzuknüpfen. Nachdem Dinah in ihrer Unterkunft unruhig war und sich nicht so recht mit ihrer Box anfreunden konnte, überraschte es mich umso mehr, dass sie bei den folgenden Einheiten wie ausgewechselt war, geduldig und hochmotiviert mitarbeitete und nur ganz selten mal ein Stresssymptom wie Schnappen oder dgl. äußerte. Ich war ganz überrascht, wie gut es diesmal lief im Gegensatz zum letzten Jahr. Selbst den anwesenden Teilnehmern, die sie noch aus dem letzten Jahr kannten, fiel diese Wandlung auf. Ich war und bin zurecht stolz auf sie ;).
Das Leben misst sich nicht in Atemzügen,
sondern in Momenten, die dir den Atem geraubt haben.
Verfasser unbekannt
Unter tosendem Regen, der auf das Planendach prasselte, zeigten wir Marlitt das Führen in Stellung und das Übertreten im Schritt und ich bekam die Tipps, die ich mir erhofft hatte. Fragen zu meiner Position, Handhaltung und Einwirkung beantwortete Marlitt gewohnt kompetent, einfühlsam und ganz im Sinne des CT, gab mir Sicherheit und machte mich auf darauf aufmerksam, wo es bei uns hakt. Immer wieder verlasse ich meine gedachte Linie und mache es somit uns beiden schwer.
Marlitt, die trotz angeschlagener Gesundheit unermüdlich ihren Runden lief, holte jedes Paar genau da ab, wo es stand und verschaffte sich einen Überblick über die Wünsche und Anregungen, die sich jeder Kursteilnehmer vom Kurs erhoffte und erwartete.
Samstag, 8.10.2011
Am Samstag starteten wir mit dem Theorieteil. Wir befassten uns mit den Hintergründen und Vorteilen des Keep-Going-Signals. Man muss sich den Einsatz dieses Signals wie das Kinderspiel "Heiß-Kalt" (bzw. Topfschlagen) vorstellen. Ein Teilnehmer bekommt die Augen verbunden und die anderen Teilnehmer lotsen ihn dann den gewünschten Platz indem sie "heiß" sagen, je näher er dem Ziel kommt oder "kalt", je weiter er sich davon entfernt. Das Keep-Going-Signal entspricht dem "heiß" und mit der Häufigkeit und der Intensität (man denke nur an die Kinder, die sich zuletzt fast überschlagen und es immer enthusiastischer ausrufen) stehen einem auch noch Möglichkeiten zur Verfügung, dieses Signal je nach Fortschritt unterschiedlich zu betonen. Gleich danach ging es an die Umsetzung in der Praxis.
Also stand nun die Konditionierung eines neuen Signals auf dem Programm und ich war wirklich erstaunt, wie schnell die 4-Beiner diese neue Anforderung doch umsetzen konnten. Clickerpferde sind einfach toll! Vor allem die schlichte Reduzierung auf ein Wortsignal, ohne es mit der Körpersprache dauernd unterstützen zu wollen, bescherte mir ein Aha-Erlebnis. Unbewusst orientieren wir uns immer an der Körpersprache des Tieres und umgekehrt. Es war interessant zu beobachten, wie sich die Pferde schrittweise von diesem Ablauf lösten und auf das Keep-Going-Signal reagierten und sich über ihre gewohnten "Grenzen" trauten. Anfängliche Zögerlichkeiten unterstützte man zuerst noch mit der Körpersprache, um die Absicht zu verdeutlichen, aber bald hatte jedes Pferd eine Idee davon, worum es ging.
Grenzen!?
Ich habe nie welche gesehen. Aber ich habe gehört,
sie sollen in den Köpfen mancher Menschen existieren.
Thor Heyerdahl
Wie geht man es also an? Wir sollten uns ein Signal überlegen, welches wir im normalen Alltag nicht bewusst oder unbewusst verwenden würden, damit es nicht abstumpft. Nachdem ich den Click gerne mal mit "Fein" oder "Super" oder "tolles Pony" unterstreiche, hab ich mich einfach für das Wort "Ja" entschieden, wie die meisten von uns. Mit Hilfe der ihr gut bekannten Matte (Bodentarget) wollte ich Dinah nun dieses neue Signal näherbringen.
Anfangs stand ich ganz ganz nahe an der Matte und bestätigte jede Hinwendung zum Objekt mit "Ja" - solange bis sie auf der Matte stand, was sie ja auch schon kannte. Erst dann - bei Erreichen des gewünschten Endverhaltens (= mit beiden Beinen auf der Matte stehen) - folgten der Click und die Belohnung. Allmählich erhöhten wir den Schwierigkeitsgrad und ich blieb immer weiter weg stehen und Dinah marschierte schlussendlich auch aufgrund des Keep-Going-Signals auf die Matte, selbst wenn ich mich auf einem Sessel platzierte oder mich bewusst von ihr wegdrehte. Sie verstand irrsinnig schnell, worum es ging! Interessant war zu beobachten, wie sehr sie sich an mir orientierte und zu Beginn sofort ins Stocken kam, sobald ich stehenblieb. Als sie das Signal verstanden hatte, marschierte sie schließlich nach einem kurzen Zögern weiter. Sobald sie die Matte erreichte und sich dort sortierte, kam der Click und das Futter. Voller Stolz wartete sie da und es war eine Wonne sie dabei zu beobachten. :)
Great minds discuss ideas,
average minds discuss events,
small minds discuss people.
Eleanor Roosevelt
Wichtig war für mich zu erleben, wie viele Variationsmöglichkeiten man haben kann, wenn es um die Steigerung der Schwierigkeit bei dieser Aufgabe geht, wie sehr man manchmal in einen unbewussten Rhythmus verfällt, worunter die Variabilität leidet oder wie häufig man monoton auf einem Level verharrt, auch wenn die Anforderung schon gesteigert werden und man dadurch neuen Schwung in die Sache bringen könnte.
Bei der nachmittäglichen Einheit versuchten wir das neue Signal bereits auf bestimmte Lektionen wie in unserem Fall das FiS oder Übertreten zu übertragen. Dinah zeigte sich vorbildlich und bereitete mir viel Freude bei der Handarbeit. Ich schaffte es sie noch besser zu führen, sie immer zuverlässiger in Stellung antreten zu lassen indem ich Marlitts Tipps bezüglich meiner Körpersprache umsetzte. Selbstverständlich hab ich auch viel Input für Hausaufgaben bekommen, damit das Ganze noch konsanter werden kann. Andere Teilnehmer verbrachten die Einheit mit Reiten und es war spannend zu beobachten, wo Marlitt mit ihren Verbesserungsvorschlägen ansetzte und wie schnell die Ergebnisse sichtbar wurden. Gut gefallen hat mir diesbezüglich das auf die Clickerphilosophie umgemünzte Bild des Zügeltargets, welches in Kombination mit den anderen Hilfen dem einen oder anderen vielleicht zugänglicher ist als die herkömmliche Phrasendrescherei des Reitsports.
Sonntag, 9.10.2011
Bei der Theorieeinheit sprach Marlitt noch etwas über das KGS, umriss kurz die Themen Signalkontrolle und Motivationslevel (Welche Möglichkeiten stehen einem zur Steigerung desselben zu Verfügung?) und ging ausführlich auf Fragen ein, die im Laufe des Vorabends noch aufgetaucht waren.
Der Wunsch klug zu erscheinen verhindert oft, es zu werden.
François VI. Herzog von La Rochefoucauld
In 2er-Gruppen ging es am Vormittag weiter mit der Festigung des KGS. Wir sollten es nun auch auf andere Bewegungsabläufe und Übungen übertragen. Der Vielfalt wie man das Signal einsetzen kann, sind keine Grenzen gesetzt. Man kann damit zB nicht nur die gewünschte Richtung anzeigen, sondern auch an der Dauer bestimmter Lektionen arbeiten oder an der Feinheit von Bewegungsabläufen basteln. Allmählich sollten wir versuchen bei Dingen, die den Pferden bereits leichter fallen bzw. wo sie schon eindeutig einen Idee davon hatten, die Häufigkeit reduzieren.
Am Nachmittag hatte ich für uns das Thema "Trab" vorgesehen. Man würde es nicht für möglich halten, aber Dinah mag sich je nach Tagesverfassung manchmal nicht aufraffen auch mal ein paar schnellere Schritte zu tätigen, ohne, dass man sie ständig animieren muss. So widmete ich mich der Signalkontrolle, den Fragen wie ich meine Körpersprache einsetzen kann und wann ich belohnen soll. Das klappte ganz gut, wenn auch bei Dinah schön langsam die Luft draußen war und sie in dieser letzen Einheit nun deutlich Stress äußerte, was vielleicht auch zum Teil an dem stürmischen Wind lag. Wir beließen es also dabei und ich verfrachtete sie gleich in den Hänger und ab gings nach Hause.
Man muss noch Chaos in sich haben,
um einen tanzenden Stern gebären zu können.
Friedrich Nietzsche
Natürlich musste sie nach 2 Tagen Ausflug gleich das gesamte Revier kontrollieren und war sichtlich erleichtert endlich wieder zu Hause zu sein. Für mich ging es dann nochmal zurück, wo der Kurs langsam ausklang und wir schließlich zu einem Ende fanden.
Mir hat es ausgesprochen gut gefallen, ein herrlicher Kurs in familiärer Atmosphäre. Ich fand es toll, wie individuell Marlitt auf die Wünsche und Bedürfnisse jedes einzelnen eingehen konnte, ohne jemals Mensch oder Pferd zu überfordern. Sowohl Clickerneulinge als auch eingefleischte Routiniers kamen auf ihre Kosten. Ein bunter Strauß an Ausbildungsständen und Kernthemen für jeden einzelnen wie Höflichkeit, Longieren, Handarbeit, Ansätze von Zirkuslektionen bis hin zum Reiten war präsent und ließ das Wochenende wie im Flug vergehen.
Ich möchte mich nochmal bei allen Teilnehmern bedanken, dass alles so unkompliziert und gemütlich abgelaufen ist, bei meiner Mitorganisatorin Verena für ihren nicht enden wollenden Einsatz und natürlich bei Marlitt, die sich trotz ihrer immer weniger werdenden Stimme keine Ermüdungserscheinungen anmerken ließ, und wieder mal bewies, was für eine Freude es sein kann mit einem Pferd unter Aufsicht eines Clickerprofis und empathischen, scharfsinnigen Pferdeausbildners arbeiten zu können.
Viele Missverständnisse entstehen dadurch,
dass ein Dank nicht ausgesprochen,
sondern nur empfunden wird.
Ernst R. Hauschka
Vielen Dank an alle, die diesen Kurs zu so einen besonderen und tollen Erlebnis gemacht haben. Ich hoffe, wir schaffen es, das Ganze 2012 zu wiederholen. Wir planen bereits eine Anknüpfung an diesen Kurs Ende September/Anfang Oktober 2012. Bei Interesse kontaktiert mich einfach über das Kontaktformular!
Eure Conny