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Viele Wege führen zum Pferd bzw. weg vom Grün

Oktober 2010. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich folgendes gefragt: "Mich würde dennoch interessieren, wie Du es handhabst, wenn ein Pferd den Kopf ins Gras hängt und sich nicht mehr davon abbringen lässt, das gute schmackhafte Gras zu fressen. Sicher, wie könnte man es ihm übel nehmen, für uns wäre es auch nur schwer möglich an Bergen unseres Lieblingssnacks vorbeizugehen ohne zuzugreifen. Warte gespannt auf Antwort."

 

Gute Frage! Die könnte doch glatt von mir sein. :) Zufällig passt diese Frage genau in einen schon lange geplanten Beitrag zum Thema Stricktechnik à la Alexandra Kurland. Aber dazu möcht ich erst mal - wie es ja meine Art ist - etwas ausholen.

In Clickerkreisen ist A. Kurland schon lange ein Begriff. Hat sie doch ein Standardwerk zum Thema Clickertraining mit Pferden geschaffen, das man jedem empfehlen kann, der sich mit dieser Materie auseinander setzen will. Im Laufe der Jahre hat sich A. Kurland weiterentwickelt, vielerlei Themen behandelt und sich bemüht dazu clickerkonforme Konzepte zu entwickeln. Ein elementarer Stein in ihrer Arbeit sind die Stricktechniken. Klingt jetzt zwar kompliziert, sind sie aber nicht. Jedenfalls nicht mehr, wenn man sie erst mal am eigenen Leib erspürt hat. Ja, richtig gelesen: am eigenen Leib.

 

 

Kritisiere nicht,

was du nicht verstehst.

 

Elvis Presley

 

 

 Hat schon jeder mal Pferd gespielt? Wenn wir uns ein Pferd an Halfter und Strick vorstellen - also quasi die Verbindung zu seinem Gegenüber mal in der Rolle des Pferdes erfühlt. Die meisten wahrscheinlich nicht. Ich auch nicht bis heuer. Ehrlich gesagt hab ich dem bisher kaum Aufmerksamkeit beigemessen - ich war eh zufrieden mit unserer Kommuninkation und Interaktion und den größten Teil unserer Zusammenseins gestaltete ich sowieso frei. Aber es schadet ja nicht, mal über den Tellerrand hinauszusehen, und so nutzte ich die Gelegenheit, als eine Bekannte hier war, mich mal auf die Stricktechniken à la Kurland einzulassen. 

 

Beim Reiten wünscht sich ein jeder eine feinfühlige sanfte Hand, bei der Arbeit an Strick und Halfter allerdings geraten diese guten Vorsätze schnell bei so manchem in Vergessenheit, weil man den Pferden eh nicht "weh tut", wie es vielleicht ein Gebiss im Maul tut. Viele packen deshalb schon mal gröber zu bzw. geraten in ein Ziehen und Zerren, auch wenn es gar nicht notwendig wäre. Sicher gerät jeder mal in die Situation, in der man seinem Wunsch vielleicht mal nachdrücklicher Ausdruck verleihen muss, schon allein, wenn es um Sicherheitsfragen geht. Allerdings kann man den Großteil seiner Arbeit mit dem Pferd sicher so gestalten, dass man jene feine Kommunikation erlangt, von der viele träumen. Selbstverständlich muss diese aber auch erst von beiden Seiten erlernt werden. Und ich spreche hier bewusst nicht vom Weg "Grob zu fein", wie er vielerorts propagiert wird, sondern von einem Weg "Fein zu noch feiner".

 

 

Beginne das Schwere, wenn es noch leicht ist.
Tu das Große, wenn es noch klein ist.
Denn alles Schwere auf Erden,
entspringt aus dem Leichten.

 

Laotse

 

 

Einer der wichtigsten Faktoren im Umgang mit den Pferden ist unsere Körpersprache. Minimale Änderungen in Position und Ausdrück können buchstäblich Großes bewegen. Auch NHT-Anhänger brüsten sich gerne mit diesem Argument: Hat das Pferd erst mal verstanden, worum es geht, reicht schon das Zucken einer Augenbraue aus, um es zB rückwärts zu schicken. Ich formuliere das jetzt bewusst etwas überspitzt, weil im Endeffekt sieht man hinterher doch nur ein vielleicht im ersten Moment beeindruckendes Ergebnis, allerdings der Weg dahin schaut da bei so manchem weniger leichtfüßig aus. Da wird mit dem Stick geklopft (welch sanfte Umschreibung) oder mit dem Strick gewedelt. Apropos Strick wedeln - wir waren ja bei der Stricktechnik.

Heike und Steffi beim Reinschnuppern in die Stricktechnik - Körperhaltung

Alexandra Kurland hat Ansätze entwickelt, die fernab von dieser Grobmotorik Erstaunliches zutage bringen, wenn man sie Schritt für Schritt aufbaut. Sicher hat sie nichts Neues entdeckt, aber Altbekanntes clickerkonform verpackt, sodass es jedem möglich ist sich daran zu versuchen. Natürlich ist für solch eine Kommunikation der Strick nicht zwingend notwendig, allerdings steht bei den Kurland'schen Ansätzen die Vorbereitung auf das Reiten im Vordergrund - kann man später doch alles, was man mit Hilfe ihres T'ai Chi Rope Handlings erarbeitet, aufs Reiten übertragen. Jedenfalls wollte ich mich mal auf dieses Experiment einlassen, als wir im Sommer eine Clickertante zu Besuch hatten, die sich ausführlich damit beschäftigt. Wir starteten mit Trockenübungen.

Bild A) Heike und ich bei den Trockenübungen (Bild von Verena Rieger-Ziegler)

Ich musste den Karabiner meines 4-m-Stricks (ein Relikt aus der NH-Zeit, das sich aber als äußerst universell herausstellte in den letzten Monaten) mit beiden Händen umfassen und damit die Hände locker nach vorne strecken - ich simulierte quasi den Hals des Pferdes (siehe Bild A). Am anderen Ende des Stricks begann mein Gegenüber langsam mit den Fingerspitzen am Strick entlangzustreichen. Die Aufgabe war, Stopp zu sagen, sobald ich die Annäherung spürte. Ich stand also mit geschlossenen Augen da und wartete. Als ich ein leichtes Vibrieren spürte, rief ich Stopp. Ich machte die Augen auf - die entlangstreichende Hand hatte einen Weg von mehr als einem Meter zurückgelegt und befand sich unmittelbar vor meinen Händen, die um den Karabiner lagen, ehe ich etwas wahrnahm.

 

 

Achtsamkeit ist eine bewusste,

aufnahmebereite Hinwendung zum Anderen.

 

Franz Bachofner

 

 

Es folgten noch ein paar weitere Versuche mit geschlossenen Augen. Inzwischen wusste ich, worauf ich achten musste. Nach wenigen Wiederholungen nahm ich bereits eine Annäherung der Hand nach 3 cm (!) wahr. Ich war verblüfft und erstaunt. Unweigerlich musste ich an die vielen schlenkernden Stricke denken, mit denen die Pferde vielerorts rückwärts geschickt werden. Dabei ist so wenig nötig, wenn man erst gelernt hat hinzuhorchen. Und genau darum ging es bei der Übung.

 

Zum Vergleich musste ich nun beide Arme völlig anspannen und mit den Karabiner in den Hängen krampfhaft nach vorne strecken. Ich stellte quasi ein verspanntes Pferd dar. Wieder näherte sich mein Gegenüber mit den Fingerspitzen am Strick entlangstreichend an. Diesmal dauerte es unendlich lange bis ich die Annäherung spürte und Stopp sagen konnten. Als ich die Augen aufmachte, sah ich, dass die Hand bereits wieder mehr als 50 cm Stricklänge hinter sich hatte - ein Zeichen dafür, wie wichtig eine enspannte unverkrampfte Haltung ist, damit leichte Hilfen durchkommen können. Das gilt natürlich auch für das Pferd.

 

 

Die Welt hat sich auf die Begriffe RECHTS und LINKS versteift

und dabei vergessen,

dass es auch ein OBEN und UNTEN gibt.

 

Franz Werfel

 

 

Mich hat dieses Erlebnis echt geflasht - wie wenig es doch braucht, dass etwas am Pferd ankommt. Wenn ich solche Dinge nicht selbst erspüre, bleibt es für mich oft ein abstraktes Konstrukt. Mit dieser Übung wurden für mich einmal die Weichen gestellt, wie ich mein Pferd dazu veranlassen kann, dass es lernt hinzuhorchen: Ein Entlangstreichen am Strick reicht aus, um dessen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Alexandra Kurland bezeichnet das auch als "Shaping on a point of contact" - es geht darum, den Punkt zu finden, der ausreichend leicht ist, und mir trotzdem eine Kommunikation mit dem Pferd ermöglicht. Gut, allzu theoretisch möchte ich nicht werden, zumal ich mich damit auch noch nicht wirklich auseinander gesetzt, und dieses Konzept im Alltag bisher nur bezogen auf die Eingangsfrage umgesetzt habe. 

Bild B) Nathalie und Heike: Anfragen zur Balanceverschiebung (Danke fürs Foto, Verena.)

So - jetzt befinden wir uns an einem Punkt, wo wir einen Schritt weiter gehen können. Dazu stellt man sich wie auf dem Foto B an den Trainee. Die innere Hand des Trainers (in dem Fall die linke) fährt langsam zur Schulter des Trainee's, die äußere nähert sich mit dem kleinen Finger voran an den Karabiner an. Durch das Entlangstreichen macht der Trainer aufmerksam. Ist die Hand am Karabiner angekommen, so wird diese aufgestellt, so dass der Daumen nach oben zeigt. Das Strick-Teilstück zwischen den beiden aufgestellten Händen ist nun gespannt. A. Kurland bezeichnet diesen stabilen "Halteprozess" als T'ai Chi Wall. In dieser Stellung versucht der Trainer nun allmählich seinem Trainee eine Idee von Rückwärts/Aufwärts/Vorwärts zu geben. Keinesfalls darf der Trainer ziehen oder drücken. Als Trainee reicht es, wenn man die Augen schließt und einfach hinhorcht in welche Richtung mein Gegenüber maginal die Balance verschiebt.

 

 

Wenn der eine nicht will,

können zwei sich nicht streiten.

 

Sprichwort aus Spanien

 

 

Diese Tendenz fühlt sich weder unangenehm noch zwingend an - sie beinhaltete für mich eher das Gefühl des "geborgenen Geführt-Werdens". Ich hab mich gerne darauf eingelassen. Mit geschlossenen Augen konnte ich förmlich spüren, wie mich eine Wand an Energie behutsam nach hinten schob, ohne dass ich jemals Druck oder Zug erfahren habe. Klar würde das beim Pferd vorübergehend vermutlich anders aussehen, allerdings kann diese geringe negative Verstärkung erfahrungsgemäß innerhalb kürzester Zeit in ein Signal übergehen, wenn das Pferd verstanden hat, um was es geht. Ein Ziehen und Drücken ist aber jedenfalls zu vermeiden, da es sonst zu Gegendruck vom Pferd kommt. Ein beharrliches Stehenlassen der Hand mit einer leichten Idee davon, in welche Richtung man die Balance verschieben will, reicht aus. Wichtig ist dabei, dass man mit den Beinen hüftbreit und stabil steht, den Rücken soweit möglich gerade hält und mit lockeren Schultern agiert. Es hat sich herausgestellt, dass das "Rückwärts" den Pferden am Anfang am leichtesten fällt und dazu wesentlich zur Balance beiträgt.

 

 

Wer das erste Knopfloch verfehlt,

kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

So weit, so gut. Das war mein erstmaliger Kontakt mit der Stricktechnik, wie sie A. Kurland umsetzt. Ich hatte es zwar für gut befunden, allerdings nicht weiter in unseren Alltag integriert. Irgendwann dachte ich mir allerdings, dass es ganz brauchbar wäre, Dinah auf diese Art und Weise den Rückzug von ihrer Lieblingsbeschäftigung "Grasen" schmackhafter zu machen. Mit dieser Technik würde es mir möglich sein dieses Training clickerkonform zu gestalten. Einen Versuch würde es wert sein und so hielt die Stricktechnik in unseren Alltag Einzug. Selbstverständlich ist mir sicherlich der ein oder andere Fehler dabei passiert bzw. hab ich manche Details auch nicht ganz so genau genommen, allerdings kamen Dinah und ich gut voran.

Bild C) Verena und Gloa - Stricktechnik am Pferd (Anfragen von Stellung)

Ich habe bewusst diese längere Vorgeschichte zur Beantwortung der mir gestellten Frage gewählt, da diese Stricktechnik es einem einfach sehr viel leichter machen kann, mit dem Problem "festgesaugtes Pferd am Gras" umzugehen, ohne den Weg der positiven Bestärkung verlassen zu müssen.

 

Wie gehe ich also vor? Ich beschäftige mich ja immer wieder damit und möchte hier auch anmerken, dass dies meine persönliche Vorgehensweise ist, wobei mir die Kurland'schen Stricktechniken als Vorbild dienen. Dieser Weg stellt sich für Dinah als logisch und für mich als clickerkonform praktikabel heraus - das ist die Hauptsache. 

 

 

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht,

sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.

 

Lucius Annaeus Seneca

 

 

Also zuerst stehen natürlich Trockenübungen am Programm, bevor es ans Eingemachte geht. Beginnen tu ich mit dem Entlangstreichen am Strick wie auf Bild C zu sehen. Jedes Aufmerksamkeitsanzeichen (Ohrenspiel, Hindrehen) bestärke ich. Schritt für Schritt kommen wir voran. Allmählich weiß Dinah, worauf ich hinauswill. Dann folgt die Balanceverschiebung, die ich bald mit dem Heunetz kombiniere. Hier muss ich bereits anmerken, dass ich es sinnvoll finde, dass die Pferde nicht hungrig dieses Training absolvieren. Man macht es sich nur unnötig schwer. Um die Prinzipien zu verinnerlichen reicht es mit einem "satten" Pferd zu arbeiten, zumal ich lange Futterkarrenzen sowieso skeptisch betrachte. 

 

Ich nähere mich also auf die oben beschriebene Art dem Karabiner an, stelle die Faust auf. Leider vernachlässige ich das anfangs etwas, da die Vorführung schon einige Wochen zurückliegt. Aber das Aufstellen der Faust  trägt wirklich entscheidend zum Erfolg bei, da erst dann fürs Pferd klar wird, was man konkret möchte, wohin die Reise gehen soll ;). 

 

 

Dasselbe zu wollen und dasselbe nicht zu wollen,

gerade darin liegt beständige Freundschaft.

 

 Sallust

 

 

Dinah arbeitet trotz meiner Unzulänglichkeiten gut mit (ich hätte mir mal vorher so einen Plan aufstellen sollen ;)), und weiß schon innerhalb weniger Versuche, um was es geht. Sie honoriert meine Annäherungen mit einer leisen Tendenz von weg-vom-Heu. In dem Moment nehm ich die Hände weg und clicke. Später werden diese Ansätze zu einem Ablassen vom Heu und zu-mir-Hindrehen. Am Anfang kann es bei manchem Exemplar so aussehen, als ob es Ewigkeiten dauert, bis es ansatzweise die Idee von Rückwärts/Seitwärts/Aufwärts (je nachdem wie die Idee aussieht) umsetzt. Geduld bewahren und einfach seinen Standpunkt behaupten, indem man seine Position neutral beibehält und den Moment bestärkt, wo das Pferd der Balanceverschiebung minimal folgt.

Bild D) Übung zum Rotieren der Schulterblätter

Hier ist das Kapitel Schulterblattrotation sehr hilfreich. Sie ermöglicht dem Menschen ohne Kraftaufwand den mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Aktionen des Pferdes zu trotzen. Am Beispiel Heunetz: Will das Pferd mit dem Kopf weiter (sie fressen ja selten auf den gleichen 5 Quadratzentimetern ;)), so bleibt die Hand stehen, man blockiert quasi den Bewegungsfluss und bringt das Pferd aus der Balance. Dinah lässt hier kurz von ihrer Tätigkeit ab und hält inne, um sich neu zu sortieren. Diesen Moment bestärke ich.

 

Ein nach-hinten-Kreisen der Schultern vollbringt hier wahre Wunder. In Kombination mit der Stricktechnik (innere Hand zum Widerist, äußere Hand Richtung Pferdekopf/Karabiner, Strickteilstück gespannt) und einem hüftbreiten, stabilen Stand entwickelt man schier Superman-Kräfte ;) Nö, Spaß beiseite. Mit dieser Technik stabilisiert man seinen Körper und wird praktisch unverrückbar für das Pferd ohne an Neutralität einzubüßen. In diesem Fall bin es nämlich nicht ich, der Druck oder Zug aufbaut, sondern das Pferd. Zug von meiner Seite würde in diesem Fall für Gegenzug sorgen - ich bleibe einfach konstant auf meiner Position und fange ein Dagegengehen mit meinen Schultern auf. Dinah wird immer empfänglicher, reagiert immer besser aufs Hinstreichen und lässt vom Heu ab.

 

 

Der Optimist sieht in jedem Problem eine Aufgabe.

Der Pessimist sieht in jeder Aufgabe ein Problem.

 

Verfasser unbekannt

 

Bild E) Heike simuliert ein sehr fressortientiertes Pferd, Steffi hält den Attacken zum Boden mit ihren rotierten Schulterblättern problemlos Stand.

Schon bald begeben wir uns zum Ort des Geschehens: auf die Wiese. Vorausschicken möchte ich, dass ich schon von Anfang an Wert darauf gelegt habe, dass mich mein Pferd beim Anblick von Gras nicht durch die Gegend zerrt. Dinah war das alles somit nicht mehr neu, allerdings habe ich dies noch zu Zeiten erarbeitet, wo ich auf Grundzüge des NHT's zurückgriff. Dementsprechend sahen auch meine Maßnahmen damals sehr viel energischer aus, weshalb ich dieses Thema zu Clickeranfangszeiten etwas hinten anstellte. Ich wollte diesen Punkt von einer anderen Seite neu erarbeiten. Aus dieser Prä-Clicker-Zeit ist aber die Etablierung eines Fresssignals geblieben. Ausschließlich auf dieses Signal ist es Dinah gestattet den Kopf zu senken und zu fressen. Übersehe ich es nur ein Mal, so hält wieder der Schlendrian Einzug. Konsequenz, was das angeht, ist bei uns also unumgänglich - ansonsten begibt man sich in das Schema der variablen Bestärkung und dann dauert es noch länger. Ein Du-darfst-Fressen-Signal ist sicherlich sehr sinnvoll, wie auch immer das aussehen mag... 

 

Das Thema Konsequenz erleichtere ich mir von Vornherein so, dass ich den Strick von Haus aus auf eine maximale Länge lasse, die für das Pferd nicht ausreicht, um zum Boden zu kommen. Hier sei nochmal auf die rotierten Schulterblätter hingewiesen, die diesen Attacken problemlos widerstehen können und das Pferd kraftfrei nach unten begrenzen (sehr schön auf Bild E zu sehen).

 

 

Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen,

als man umgeworfen wird.

 

Winston Churchill

 

 

So beginne ich nun das Rübe-hoch-Thema zu erarbeiten, ohne ins Ziehen und Zerren zu geraten. In meinem persönlichen Idealfall soll Dinah bereits auf ein Hinstreichen und den Kopf hochnehmen. Bisher musste ich sie doch immer wieder mal etwas nachdrücklicher zum Mitkommen bewegen. Mein Vorhaben unterstütze ich zusätzlich mit Futterlob, für das Dinah schon mal das ein oder andere Grasbüschel stehen lässt. Bananen erweisen sich bei der Haflingerine als äußerst effektiv.

Verena versucht Gloas Aufmerksamkeit zu holen...

Allmählich muss ich mit der Hand nicht mehr ganz zum Karabiner streichen und die Faust aufstellen mit einer Idee nach oben. Immer öfter hebt Dinah bereits auf leise Annäherungen am Strick den Kopf. Überschwengliches Lob und tolle Leckereien lassen sie motiviert mitarbeiten. Man könnte jetzt auch sagen: Gut, aber sie wartet ja nicht ab, welche Idee ich ihr durch die Stellung der Faust gebe und greift quasi voraus. Naja, ganz so eng seh ich es nicht in diesem Fall ;). Immerhin gibts nur eine Anforderung an sie, wenn sie sich im Fressmodus befindet, nämlich Rübe hoch! Und wenn sie diesem Wunsch auf so minimale Signale nachkommt und mir ihre Aufmerksamkeit schenkt, dann solls bitte so sein. Natürlich kommt es immer wieder mal vor, dass sie sich "bitten" lässt. In dem Fall bleib ich einfach nach dem Hinstreichen dran. Nach ein paar Bissen folgt sie dann meinem Wunsch. Ein neuerliches Fressen erlaube ich ihr erst nach dem Signal. Da bestehe ich drauf.

 

 

Freundschaft fliesst aus vielen Quellen,

am reinsten aber aus Respekt.

 

 Daniel Defoe

 

 

Sowieso verfalle ich nicht in dieses Muster: Pferd entscheidet, dass es fressen möchte - ich folge. Wie sonst im Alltag bestimme ich den Trainingsverlauf, allerdings möchte ich einzelen Abschnitte so erarbeiten, dass Dinah dennoch mit Motivation gerne mitarbeitet. Ich möchte sie einfach von meinem Anliegen überzeugen, dass es sich lohnt meiner Idee nachzukommen. Für mich hat das nichts mit knechten oder demütigen zu tun. Ich bin der Meinung, dass wir schon eine klare Linie verfolgen sollten um ein möglichst stressfreies Miteinander gestalten zu können. Mit dem Clicker können wir das "Wie" halt so gut steuern.

 

...nur Bruchteile von Sekunden später.

Im Laufe dieses Trainings kommt es auch vor, dass Dinah das Gras völlig kalt lässt. Sie setzt mit Feuereifer für ein paar Apfelstücke meine Anfragen um. Teilweise handelt es sich nur mehr um Annäherungsversuche im cm-Bereich am durchhängenden Strick ehe Madame vom saftigen Grün ablässt. Also ganz klar ein Erfolgserlebnis. Klarerweise muss ich das konsequent so weiterführen, ausbauen und verfeinern. Womöglich gestalten sich die ersten Gras-Fress-Versuche nächstes Frühjahr angenehmer. Ich würde mich freuen, da es einerseits beweist, dass Haflinger (die ja einen Ruf als Fressmaschinen zu verteidigen haben ;)) durchaus lernen können den grünen Versuchungen zu widerstehen. Andererseits hätte ich damit einen clickerkonformen Weg beschritten, ein so hartnäckiges "Problem" auf so sanfte Art zu lösen. Für uns hat sich dieser Weg bisher als äußerst gangbar und motivierend herausgestellt - der Erfolg hat sich innerhalb weniger Einheiten eingestellt und daran arbeiten wir weiter.

 

 

Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig,

bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.

 

Konfuzius

 

 

Noch ein paar Sätze zu den Kurland'schen Stricktechniken: Für dieses Unterfangen und für das Führtraining allgemein haben sich ihre Ansätze als äußerst hilfreich erwiesen, und mir so einige Aha-Erlebnisse beschert, die ich in meiner großen Schublade "Viele Wege führen zum Pferd" ablege.

 

Da ich ja auch die Körpersprache angesprochen hatte: Meiner Meinung kann dies ein ganz wesentlicher Nebeneffekt der Stricktechniken sein, der nicht unbeachtet bleiben sollte. Durch das immer selbe Handlung, werden bestimmte Körpersignale routinemäßig und bleiben weitestgehend gleich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es möglich ist, dass Stricksignal isoliert zu gebrauchen - zumindest würde ich das bei mir ausschließen wollen. Der ganze Ablauf wird ja beispielsweise auch von einem leichten Vorbeugen, einer leichten Schulterdrehung, einem minimalen nach-hinten-Drehen usw. begleitet. Selbstverständlich bleibt dies vom Pferd nicht unbemerkt, und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die Tiere irgendwann nur mehr auf leichte Andeutungen mit dem Gewünschten reagieren, da sie so unheimlich sensibel auf unsere Körpersprache ansprechen. Ich denke, dass das in unserem Fall eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Aber im Endeffekt zählt für mich einfach die Tatsache, mit wie wenig eine Kommunikation auskommen kann. Das Resultat überzeugt mich und wenn ich dabei noch meine Körpersprache schule, so schlag ich ja 2 Fliegen mit einer Klappe.

 

Ob ich mich mit den Stricktechniken auch später vom Sattel aus beschäftigen werde - das sei vorerst dahingestellt. Danke an die Darsteller für ihre Einwilligung.

Verena und Bessi: fortgeschrittene Arbeit mit der Stricktechnik - Traben in Stellung

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Kommentare: 2

  • JimdoPro
    #1

    karolin-evers (Dienstag, 16 November 2010 08:17)

    Hallo Cornelia,
    danke für diesen schönen Artikel. Ich habe festgestellt, dass ich viele Dinge automatisch und unbewusst tue - vielleicht werde ich deshalb selbst auch nie Richtung Gras gezogen :)
    Ich werde versuchen diese Stricktechnicken mal im Eigenversuch auszutesten und dann mit meinen Schülern daran zu arbeiten (ansatzweise haben wir sowas schon gemacht, also diese Wie-fühlt-sich-das-für-mein-Pferd-an-Spiele - Fotos unter www.karos-ponyclub.com). Gibt es dazu ein Video oder weitere Infos im Web?
    Freue mich auf weitere Nachricht.
    Liebe Grüße
    Karo

  • #2

    Conny (Dienstag, 16 November 2010 10:39)

    Hallo Karolin,
    gern geschehen. Ich zweifle auch nicht an deinen Absichten und Fähigkeiten, stelle es mir aber wirklich unglaublich anspruchsvoll vor, Kindern diesen Zugang zu vermitteln. Also Hut ab vor deinen Ambitionen! Solche Leute wie dich braucht das zukünftige Reitervolk.

    Für weitere Infos zu den Stricktechniken kann ich dich fürs erste ans Clickerforum weiterleiten:

    http://www.familie-uthmann.de/Forum/index.php?topic=961.0

    Meines Wissens nach existiert sehr wenig Geschriebenes drüber im Netz, kann jetzt aber nur vom deutschsprachigen Raum sprechen, "internationaler" hab ich mich damit noch nicht beschäftigt. Ich hoffe, das hilft dir schon mal weiter. Ich wünsch dir alles Liebe, vielleicht lesen wir ja wieder voneinander.

    Conny

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