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Der direkte Vergleich

Rückwärts ohne Dominanzdenken

Ende August 2009

 

Das Clickertraining hat sich aufgrund seiner hervorragenden Eigenschaften bei uns im Alltag durchgesetzt. Positiv bestärken - das ist unser Weg. Aber reicht das auch aus?

 

Phantasie ist wichtiger als Wissen,

denn Wissen ist begrenzt.

 

Albert Einstein

 

 

Gerade später beim Reiten kann schon mal vorkommen, dass man beim Erarbeiten neuer Aufgaben bestimmte Bewegungen kanalisieren möchte - auch im Hinblick auf die Gesunderhaltung - und dazu kommt man halt eben um einen Druck von bestimmter Intensität nicht herum - sei es Druck am Halfter, Zügelzug, Schenkeldruck, Gewichtsverlagerung, Gerte oder einfach nur nachhaltige Gesten. Und selbst wenn ein "Hauch von Druck" ausreicht - so ist es laut Definition immer noch eine negative Bestärkung, die zur Reaktion führt, ein Reiz, den das Pferd zu vermeiden sucht, oder?

 

Ein Beispiel: Würde man nur positiv bestärken wollen, müsste man sich wenn man zB in der Reitbahn links herum reiten möchte und das Pferd schlägt aber rechts herum ein - solange passiv sitzen, bis das Pferd - vielleicht sogar zufällig - die Richtung wechselt, um dann positiv bestärken zu können. Eine langwierige Angelegenheit.

 

Ist aber wirklich das Meideverhalten der ausschlaggebende Grund dafür, dass das Pferd reagiert. Es reagiert, weil es unangenehme Konsequenzen fürchtet? Ich glaube nicht, dass das beim Prinzip des positiv Bestärken der ausschlaggebende Punkt ist und darin unterscheidet sich das CT grundsätzlich von vielen anderen "Erziehungs- und Trainingsmaßnahmen": der Motivationshintergrund. Wenn ich meinem Pferd eine Idee davon gebe, was ich mir von ihm vorstelle und jede Tendenz sogleich positiv bestärke, so wird es einerseits gerne meinen Wünschen nachkommen, da es sich davon eine Belohnung verspricht, und andererseits hat es durch das zwanglose Erarbeiten ja die Wahl, ob es der Aufforderung nachkommt.

 

 

Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft -

vielmehr aus unbeugsamen Willen. 

 

Mahatma Gandhi

   

 

Ein Beispiel: Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob ich mein Pferd mit steigender Druckintensität zum Weichen bringe, weil ich meinen "Rang" festigen will bzw. ein Pferd dominieren möchte. Oder, ob ich das Weichen (im Sinne von Übertreten oder Zurückgehen) als eine weitere Aufgabe in unserem Alltag miteinbaue und es entweder frei shape bzw. bei bestehendem minimalen Druck solange warte und meinem Pferd Zeit und Möglichkeit gebe die gewünschte Reaktion zu erbringen und es daraufhin sogleich belohnt wird. Wenn ich mich bedrängt fühle und das Pferd bitte etwas Abstand zu gewinnen, indem ich es zurückgehen lasse so geht dem ein ganz anderer Beweggrund voraus, als wenn ich dadurch den Chef raushängen lassen möchte. Pferde merken das. 

 

Diese Einstellung und die daraus folgende Konsequenz für das Pferd macht meines Erachtens den Unterschied aus. Der Druck wird sowohl beim Prinzip des negativen Verstärkens als auch beim positiven Bestärken irgendwann völlig wegfallen können - die Motivation, die der Reaktion vorausgeht ist aber grundverschieden.   

 

 

Reich wird man erst durch Dinge,

die man nicht begehrt.

 

Mahatma Gandhi 

 

 

Ich glaube solange man Druck in Maßen einsetzt - sofern es die Situation überhaupt verlangt - ohne das Pferd dabei zu überfordern und ihm die Gelegenheit zu geben, zu verstehen, spricht nichts dagegen, dem Partner den "Weg zu weisen" oder auch wie es manche ausdrücken "mit ihm zu tanzen" (einer führt, der andere lässt sich leiten) - was nicht heißt den Partner in die richtigen "Bahnen zu zwingen". Erfolgt die gewünschte Reaktion, so lässt der minimale Druck nach und man unterstreicht das Erreichte indem man sogleich positiv bestärkt. Mit der Zeit wird das Pferd selber schon bei der kleinsten Andeutung freudig aktiv werden wollen.

 

Alexandra Kurland, Pionierin auf dem Bereich des CT mit Pferden, prägte den Satz:

 

Clickertraining wandelt Druck in Information um.

 

Ich glaube, das beschreibt ganz gut, wie wir zur Zeit arbeiten. Und trotzdem bediene ich mich immer öfter und immer lieber auch des "Freien Formens", weil die Möglichkeiten damit so vielfältig sind und einzig und allein der Click das Pferd leitet. Wesentlich bei unserem neuen Weg ist, dass ich jetzt einfach mit einer völlig anderen Einstellung zum Pferd gehe und wir auf eine andere Art kommunizieren, die um soviel schöner ist, als ich es je für möglich gehalten hätte. 

Respekt ist nicht mit Dominanz zu verwechseln

Ein heikles Thema in der Pferdeausbildung ist das Strafen -  eigentlich hat es hier nichts verloren. Erst recht nicht, wenn das Ereignis bereits solange zurückliegt, dass das Pferd Ursache und Wirkung nicht mehr miteinander verknüpfen kann. Hier sprechen wir von einer Sekunde! Trotzdem gibt es hin und wieder vielleicht wirklich Situationen, wo eine punktgenaue Strafe noch während das unangemessene Verhalten gezeigt wird vor schlimmen Folgen bewahren kann. Dazu muss man wissen, dass wir mit Strafe meistens die positive Strafe meinen, die sich dadurch auszeichnet, dass wir dem Pferd auf eine Aktion etwas Unangenehmes zufügen. Es gibt ja auch die negative Strafe, die damit einher geht, dass man dem Pferd etwas Angenehmes entzieht.

 

Zu 99,999 % wird die Strafe jedoch völlig überflüssig und zudem auch noch unbeherrscht angewendet. Den wenigsten ist es möglich, sie der Situation entsprechend so punktgenau und nachhaltig einzusetzen, dass das Pferd das Verhalten dauerhaft ändert. Meist entwickelt sich daraus eher ein Teufelskreislauf von Einwirken und Ausweichen - irgendwann weiß das Pferd, was folgt und wird geschickt der Strafe entgehen...Ganz zu schweigen vom negativen Einfluss auf das Lernverhalten. In Stress- bzw. Angstsituationen wird nachhaltiges Lernen unmöglich dh Strafen ist die Methode der Wahl, wenn man auf Dauer kontraproduktiv arbeiten will - und wer will das schon?

 

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,

dass er tun kann, was er will,

sondern dass er nicht tun muß, was er nicht will.

 

Jean-Jacques Rousseau 

 

 

Hier komme ich schon etwas in Bedrängnis

Trotzdem ist man nie gefeit vor Fehlern - auch bei uns kommt es immer wieder zu Situationen, in denen ich in alte Verhaltensmuster zurückfalle. Hinterher ärger ich mich drüber, nicht standhaft geblieben zu sein. Hier ein Auszug aus unserer Arbeit, als wir noch Clickerneulinge waren:

 

Es gibt immer wieder auch Momente, wo ich teilweise nicht wirklich weiß, mit der Situation richtig umzugehen. Ein solches Problem war das Betteln oder das Beknabbern von Taschen, Kleidung und Haut. Zuerst startete ich - wohl etwas nachlässig - den Versuch (wie in diverser Literatur empfohlen), es mit Höflichkeit einfordern und Ignorieren zu probieren. Also, sie einfach so lange machen lassen, bis sie aufhört und dann, wenn sie es für kurze Zeit wegschaut und das Betteln bleiben lässt, positiv bestärken. Aber irgendetwas lief dabei falsch...Nach ein paar Wochen konnte ich nicht wirklich eine Veränderung zum Positiven bemerken, eher zum Negativen. Sobald ich sie für das Ausbleiben dieser Lästigkeit mit einem Click und Leckerli bestärkte, fiel sie regelrecht reflexartig im nächsten Moment in dieses Verhalten zurück, und rupfte an der Tasche. Teilweise zog sie mir fast schon die Kleidung aus und beknabberte so nachdrücklich meine Hand, dass es schon unangenehm wurde, zwickte mich in den Arm oder hob mich am Gürtel auf, um zu sehen, ob beim Schütteln mehr Leckerlis rauskullern.

 

Ich war ratlos - lag es an meinem Timing, ignorierte ich sie wirklich, musste ich erst die Zeitspanne, wo sie geduldig dastand verlängern für eine positive Bestärkung oder gar verkürzen, oder dauert es nun mal viele Wochen, bis dies Taktik Wirkung zeigt und dieses Verhalten verblasst? Jedesmal wenn sie eine positive Bestärkung erhielt, fuhr ihr Kopf automatisch zu meiner Tasche/Hand. Da ich nicht riskieren wollte, blaue Flecken zu bekommen, entschied ich mich dafür meine Taktik vorübergehend zu ändern. Jedesmal wenn sie reflexartig nach meiner Tasche schnappte, bekam sie ruck zuck zeitgleich einen Klaps aufs Maul. Ich musste blitzartig reagieren, damit sie nicht rechtzeitig ausweichen werden konnte und dadurch ein Erfolgserlebnis hatte (zweimal gelang es ihr trotzdem, ehrlich gestanden).

Nach ein paar Versuchen, schien sie ihr reflexartiges Verhalten zu überdenken. Klar war sie im ersten Moment überrascht und eingeschüchtert - nun musste ich ihr zeigen, dass sie von meiner Hand nichts zu befürchten hatte, wenn sie dieses "Aussäckeln" bleiben ließ. Leider war dieser Erfolg nicht von langer Dauer - ja klar, hätte ich eigentlich wissen müssen. Vorübergehend brachte diese Taktik ihren Nutzen weil ich damit ihr reflexartiges Verhalten durchbrechen konnte. Allerdings war der Lerneffekt nach etwa 2 Wochen (bei 2 - 3 mal pro Woche) nahezu bei Null und dazu kommt, dass ich auf Dauer mir kein kopfscheues Pferd anerziehen wollte. Immer wieder probierte sie es von Neuem - also stand ich wieder da wo ich begonnen hatte. 

 

 

Wenn man einen falschen Weg einschlägt,

verirrt man sich umso mehr, je schneller man geht.

 

Denis Diderot 

 

  

Im Nachhinein betrachtet, könnte ich mich selbst dafür ohrfeigen, nicht länger nach anderen Wegen gesucht zu haben. Bei anderen Pferden verschlimmert sich das Problem durch Bestrafung - war das auch bei uns so?  

 

Auf alle Fälle wollte ich so nicht weitermachen, also hab ich nochmal meine Lektüre und Unterstützung aus den Internetforen in Anspruch genommen, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Die Taktik hieß: Back to basics.

 

Das Leckerlie wird weit weg vom Körper gereicht

Das, was ich zu Anfang aufgrund der überragenden schnellen tollen Resultate durch das Clickertraining in meiner Euphorie vernachlässigt hatte, musste ich nun nochmal von vorne starten: Höflichkeit einfordern.

 

Ich bin wieder ganz an den Anfang zurückgegangen und ließ erst mal eine Absperrung zwischen uns wirken. Jedesmal wenn sie rüpelig wurde, entfernte ich mich ein Stück von ihr - die Absperrung zwischen uns erhöhte den Lerneffekt und ermöglichte ein gefahrloses Arbeiten. Jeder Schritt in die richtige Richtung wie zB Kopf zur Seite wurde bestärkt. Allmählich lernte sie, worauf ich hinauswollte. Dann erweiterte ich das Programm indem sie das Leckerli nur bekam, wenn sie ohne zu Knabbern und zu Schubsen nach dem Click bei geschlossener Faust artig wartete bis ich ihr das Leckerli reichte. Ich dachte mir einfach: Diesmal bleib ich beharrlich und  wenn es Wochen oder Monate dauert - bisher haben wir noch alles erreicht, was wir wollten. Was soll ich sagen...

 

 

Große Werke vollbringt man nicht mit Kraft,

sondern mit Ausdauer.

 

Samuel Johnson  

 

 

Entgegen meiner Erwartungen - immerhin hatte sich das Rüpeln und Betteln bereits seit einiger Zeit etabliert - hatte sie innerhalb von 3 Tagen den Dreh draußen!!! An den ersten 2 Tagen kamen wir im Schneckentempo voran - am 3. Tag legte sich dann der Schalter um und am 4. Tag bot sie das neu erlernte höfliche Verhalten von sich aus an!! Ich war überwältigt von diesem schnellen Lernerfolg. Klar gibt es immer wieder mal Situationen, wo sie mal an der Tasche rupft, aber dann schaue ich einfach zu Boden und ignoriere sie, oder wenns mal happiger wird, entferne ich mich ein paar Schritte, also entziehe ich ihr etwas, was sie gern hat. Es ist nämlich gar nicht so einfach richtig zu ignorieren, denn das würde bedeuten, dass man ohne sich etwas anmerken zu lassen (nicht mal zucken oder genauer hinsehen), genau mit dem weitermacht, was man grade tut. Nichtsdestotrotz hat sich dieses Konzept als tausendmal effizienter als die Klapse davor. 

 

Ich möchte damit nur zeigen, dass es situationsbedingt immer wieder mal dazu kommen kann, dass man sich hinreißen lässt und Dinge tut, die sich nachher als kontraproduktiv herausstellen. Grundsätzlich strebe ich aber immer den sanftesten Weg an...und bin vor allem selber vor Fehlern nicht gefeit. Aber Fehler sind nur Fehler, wenn man nicht daraus lernt.

 

 

Andere beherrschen erfordert Kraft.

Sich selbst beherrschen fordert Stärke.

 

Laotse

 

Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang ein wichtiges Motto beim Clickern zu erwähnen: Click for action, feed for position. Damit ist folgendes gemeint: Man bestärkt den richtigen Schritt in die gewollte Richtung und macht es dem Vierbeiner einfacher, zu verstehen worauf man hinauswill, indem man dann ihn in der gewünschten "Endposition" das Futter reicht. Möchte man, dass das Pferd den Kopf nach dem Click gerade hält, so clickt man, wenn es zB für einen Bruchteil den Kopf so hält, und füttert konsequent in der gewünschten Kopfposition, auch wenn das Pferd mal mit dem Kopf zu einem rumschwenkt. Oder möchte man, dass das Pferd den Kopf senkt, so clickt man jede Tendenz in die Richtung und belohnt möglichst bodennah. Diese Positionen werden dann ganz nebenbei abgespeichert und erleichtern einem oft das Training enorm. Dazu folgende Bilder: (zur Erklärung Bilder bitte anklicken)

Natürlich gibt es immer wieder Situationen, wo man miteinander nicht ganz konform läuft, aber hier sollte man beherrscht und konsequent bleiben. Die positive Strafe möchte ich soweit wie möglich aus meiner Werkzeugkiste verbannen, stattdessen kann man mit Time-Outs (= negative Strafe) arbeiten. Hier verlässt man unmittelbar die Situation und überlässt das Pferd für eine kurze Zeitspanne (1 min.) sich selbst. Damit entzieht man ihm etwas Angenehmes, nämlich Aufmerksamkeit und Futter und kann ihm damit vermitteln: Das lohnt sich auf keinen Fall für dich! Man muss aber bedenken, dass die negative Strafe für ein motiviertes Pferd etwas sehr Unangenehmes darstellt, deshalb sollte sie nur sehr dosiert und in Situationen Anwendung finden, die man mit Ignorieren nicht auflösen kann.

Vertrauen spiegelt sich in den Augen wieder

Generell aber habe ich nun den direkten Vergleich wie effektiv man mit Ignorieren von unerwünschten Verhaltensmustern und darauffolgendem Positiv bestärken das Lernen gestalten kann, und wie uneffektiv das Konzept der positiven Strafe hier funktionierte. Auf der einen Seite 2 Wochen, auf der anderen 3 Tage! Ersteres - das Strafen - brach ich nach etwa 2 Wochen ab, da sich kein Erfolg einstellte und die Situation sich dadurch nur verschlimmerte. Zweiteres ermöglichte einen völligen Umbruch im Verhalten innerhalb weniger Tage. Das spricht meiner Meinung nach für sich. Und dennoch möchte ich nicht ausschließen, dass ich mal in die Verlegenheit komme, positive Strafe anzuwenden. Es ist und bleibt nun mal ein Tier, das nicht vollends berechenbar ist, und wo vielleicht ein Klapps zum richtigen Zeitpunkt langwierige Problemstellungen von vornherein in Luft auflöst.

 

 

Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken;

sie beleuchtet stets nur das Stück Weg,

das wir bereits hinter uns haben.

 

Konfuzius 

 

 

Auch bei alltäglichen Problem wie Scharren am Putzplatz etc bewährt sich das Konzept "Ignorieren und positv bestärken" viel besser als jedes andere. Man glaubt gar nicht, wie schnell solche Unarten verblassen, wenn man nur konsequent genug ignoriert...allerdings ist das manchmal gar nicht so einfach, wie es sich anhört.

 

Die Kunst des Ignorierens

 

Wie straft man richtig?

 

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