Viele Jahre hatte ich meine gesamte Einstellung zu und meinen Umgang mit Pferden nach Natural Horsemanship ausgerichtet. Ich fühlte mich gut aufgehoben dabei und hatte damit erstmals einen Draht zu meinen Pferden gefunden - ein Erlebnis, das sich mir jahrelang verschlossen hatte. Durch das Auseinandersetzen mit diesem Thema habe ich viel dazugelernt, was die Natur des Pferdes betrifft, und konnte endlich in schwierigeren Situationen mit der Ruhe, Geduld aber auch Konsequenz handeln, die sie erforderten. Ein großer Gewinn für mich und meine Pferde damals. Eigentlich sagt man "Never change a running team" und trotzdem kam es wieder einmal ganz anders.
Ich habe keine besondere Begabung,
aber ich bin leidenschaftlich neugierig.
Albert Einstein
Abwechslung mit dem Clickertraining
Da ich ein sehr selbstkritischer Mensch bin, mein Handeln ständig reflektiere und auch in Frage stelle, bin ich dauernd auf der Suche nach Lektüre, aus der ich noch was lernen kann. Mark Rashid's Bücher haben mich dazu bewogen einmal über die andere Art des Leaderships nachzudenken. Fernab von Dominanz und Konfrontation spricht er mit seinen Geschichten all jene an, die auf der Suche nach Antworten sind. Diese Suche nach Erkenntnis und ein Jungpferd, welches offensichtlich keine wirkliche Freude an unserem Miteinander hatte, ließen mich irgendwann in einem Internet-Forum über ein "Phänomen" stolpern, dem ich trotz der herrlichen Erfolge anfangs nur fragwürdiges Lächeln schenkte:
das Clickertraining
Da standen plötzlich Menschen mit ihren Knackfröschen neben ihren Pferden und stopften diese augenscheinlich mit Leckerlis voll. Was soll daran Erziehung sein? Die Pferde apportierten Gegenstände, führten alle möglichen Tricks und Bewegungen aus und wurden dabei vom Knacken dieser Knackfrösche begleitet. Und diese Unmengen an Leckerlis...
Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen,
ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.
Weisheit der Apachen
Als NH-geprägter Mensch bestand für mich die einzige Belohnung für das Pferd darin, dass ich physischen und psychischen Druck, den ich zuvor aufbaute wieder wegnahm, sobald die gewünschte Reaktion erfolgte. Leckerlis werden meist mit einem abschätzigen Blick zur Kenntnis genommen, aber nicht eingesetzt. Immerhin soll das Pferd ja etwas "für mich" tun, und nicht für das Leckerli. Also mutete dieses neuartige Konzept für mich etwas seltsam an - es erfüllte eher den Tatbestand der Verhätschelung als der Erziehung in meinen Augen.
Vorurteile sind schwieriger zu zertrümmern als Atome.
Albert Einstein
Das Einzige, was mich hellhörig machte, und mich veranlasste mich damit näher auseinanderzusetzen, waren die leuchtenden Augen der Pferde. Davon hatte ich bisher nur geträumt - Dinah machte zwar die Sachen, zu denen ich sie aufforderte mehr oder weniger willig, aber von einem glänzenden Blick keine Spur.
August 2009
Die Art, mit der die Clicker-Pferde die gewünschten Forderungen und Aufgaben umsetzen, ist von Neugier, Begeisterung und Freude geprägt. Diese Pferde ergreifen selbst die Initiative und bieten Dinge von sich aus an in freudiger Erwartung damit einen Treffer zu landen. Ihr Selbstbewusstsein und die damit verbundene Neugier Neues zu erlernen bewegten mich dazu, es einmal mit Dinah auszuprobieren.
Gegen Angriffe kann man sich wehren,
gegen Lob ist man machtlos.
Sigmund Freud
Auf diversen HP's und mit Büchern verschaffte ich mir einen Überblick darüber, worauf es beim Clickern ankommt - dass es mehr ist, als nur massenhaft Leckerlis zu verfüttern. Gerade Karen Pryors und Alexandra Kurlands Bücher kann ich dazu jedem ans Herz legen - Rezensionen hier. Das Ganze beruht auf der Erkenntnis der Lernverhalten von Pferden, Tieren und auch Menschen. Erfahre mehr dazu im Anschluss...
Lernen passiert schlicht und einfach aus einem einzigen Grund: Der Zwei-oder Vierbeiner möchte seinen Zustand optimieren. Nichts anderes lässt Pferde in freier Wildbahn überleben oder treibt sie - wenn wir vom Training sprechen - zu glanzvollen Leistungen an, außer einzig und allein die Aussicht, dass sie dies für eine Bestärkung tun oder um einer Strafe zu entgehen.
Keiner, der für eine Lüge geschlagen wurde,
hat dadurch die Wahrheit lieben gelernt.
Ellen Key
Der Grundsatz des Clickertrainings lautet: Gewünschtes positiv zu bestärken und Unerwünschtes zu ignorieren.
Im Gegensatz dazu wird beim NHT fast nur durch negative Bestärkung vorgegangen.
Um diese Begriffe auseinander zu halten, habe ich sie einmal kurz zusammengefasst
Zur positiven Bestärkung zählt alles, was ein Tier/einen Menschen dazu veranlasst in einem Zusammenhang mit einer bestimmten Handlung die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, diese Handlung zukünftig vermehrt zu zeigen. "Positiv" bedeutet in diesem Kontext ein Hinzufügen einer Handlung, Belohnung....Dadurch kann das Pferd sozusagen seine eigene Fitness steigern.
Die negative Bestärkung hingegen ist ein Reiz (zB Druck, Zügelzug) den der zu Trainierende (Trainee) zu vermeiden versucht. Der eingesetzte Reiz während einer bestimmten Handlung verschwindet, sobald der Trainee diese Handlung beendet. Der Ausdruck "negativ" drückt lediglich das Weglassen einer bestimmten Handlung aus.
Beide Formen des Bestärkens müssen durch punktgenaues Timing während der Handlung geschehen bzw. die negative Bestärkung beginnt auch davor, indem man zB Druck anlegt. Eine Bestärkung soll - wie der Name schon sagt - dazu führen, dass ein Verhalten häufiger gezeigt wird.
Strafe hingegen ist etwas, was eingesetzt wird, wenn die Handlung bereits abgeschlossen ist. Sie soll bewirken, dass ein Verhalten weniger häufig gezeigt wird bzw. verblasst.
Unerwünschtes Verhalten wird dadurch ausgelöscht, indem es einfach ignoriert wird. Man spricht dabei von negativer Strafe. Eine angenehme Folge bleibt einfach aus. Dadurch besteht für den Trainee keine Motivation dieses Verhalten weiterhin zu zeigen, und wird dieses deshalb Schritt für Schritt unterlassen.
Das Pendant dazu ist die positive Strafe. Hier erfolgt auf unerwünschtes Verhalten ein unangenehmer Reiz wie etwa ein lautes "Nein" oder ein Klaps. In der Regel ist die positive Strafe recht ineffektiv, weil der zu Trainierende meist nur das Verhalten unterdrückt bzw. geschickter wird im Ausweichen.
Aussacktraining ade! Ohne Reizüberflutung lernt Dinah sich gezielt mit furchterregenden Dingen auseinanderzusetzen
Beiden Konzepten - dem NHT und dem Clickern - ist eines gemeinsam: Man möchte das Pferd darauf trainieren auf bestimmte Signale bestimmte Reaktionen auzuführen bzw. man möchte schlicht und einfach mit dem Pferd kommunizieren. Infolgedessen lernt das Pferd dem Menschen zu folgen, indem er für es berechenbar wird. Also führen doch alle Wege nach Rom, oder nicht?
Nein. Die Motivation und Art, mit der man das Pferd zu Reaktionen veranlasst sind bei genauerer Betrachtung grundverschieden. Einmal ist es die Erwartung auf etwas Positives, das andere mal in den meisten Fällen die Angst vor negativen Konsequenzen.
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.
Franz Kafka
Für mich war erst mal der Knackpunkt folgender: Mit welchem Konzept lernt das Pferd lieber, wo ist es mit mehr Freude und Eifer freiwillig bei der Sache? Nachdem ich von dieser für mich neuen Art des Lernens, dieser anderen Erziehung so fasziniert war, machte ich mich daran dieses Konzept im Alltag zu erproben. Und es stellte sich heraus, dass dazu wesentlich mehr gehört als nur Leckerlis zu stopfen. Mein Timing und meine Technik waren - na sagen wirs mal so - bescheiden, mein Umgang mit Dinah bis dahin von ewigen Rangordnungsdiskussionen geprägt, deren Notwendigkeit einem von vielen Seiten suggeriert wird, dass es ständig zu Missverständnissen und Frust kam.
So konnte ich mich nicht vollends auf diese Philosophie einlassen, und mit meiner eigenen Verunsicherung kam auch die des Pferdes hinzu. Ich machte wohl alle Fehler, die einem dabei überhaupt passieren können, und war kurz davor, das Konzept als "für uns unbrauchbar" wieder an den Nagel zu hängen. Da landete ich über Umwege im Clickerforum. Hier erfuhr ich erstmals, wieviel hinter dem Clickertraining tatsächlich steckt, welch ein immenses Potential und welch große Bereicherung der Ansatz und bewusste Einsatz des positiven Bestärkens darstellt. Ich erfuhr endlich die Hilfestellung, die ich brauchte, schloss Bekanntschaften und Freundschaften, und bei den anschließenden Treffen bekam ich Feedback, wie und woran ich arbeiten könnte. Von da an gings aufwärts. Jetzt war ich dabei es zu verinnerlichen, und nicht nur das Trainingskonzept war auf einmal ein völlig anderes, auch meine Einstellung zum gemeinsamen Miteinander veränderte sich dadurch von Grund auf.
Jeder kann einen Teil der Welt verändern: nämlich sich selbst.
Verfasser unbekannt
Zu dem Zeitpunkt konnte ich spüren und erleben, wie sehr sich Dinah veränderte. Ihr Enthusiasmus und Lerneifer steigerten sich auf einmal sprunghaft. Sie war mit Freude und Motivation bei der Sache, die ich bis dahin von ihr nicht kannte. Jeden Tag aufs Neue erfüllt es mich mit ehrlicher Freude und Begeisterung, wenn ich sehe, zu welchen Leistungen ein Pferd fähig ist, wenn man es nur lässt.
Clickern ist mehr als ein Werkzeug
Das Schöne beim Clickern ist, dass man den Moment in dem sich bei Dinah der Schalter umlegt und sie versteht worauf es ankommt, jedesmal aufs Neue in ihrem Gesicht ablesen kann. Ihre Neugier und damit auch ihr Mut auf neue Dinge zuzugehen wachsen ständig, weil sie nun selbst entscheiden kann, wie schnell es geht. Heute ist der Clicker gar nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken und ich erarbeite alles über das positiv Bestärken - richtiger wäre zu sagen: Wenn ich ein Verhalten nicht mittels freiem Formen (siehe weiter unten) erarbeite, so bediene ich mich einer Kombination von geringer negativer Verstärkung (zB Hand- oder Fingerauflegen) mit abschließendem Click und Belohnung auf die gewünschte Reaktion. Ich toppe quasi das Erfolgserlebnis "Wenn ich das und das mache, verschwindet der Druck" noch mit einer Belohnung, die das Pferd gerne hat.
Wenn Du etwas zwei Jahre gemacht hast, betrachte es sorgfältig!
Wenn Du etwas fünf Jahre gemacht hast, betrachte es kritisch!
Wenn Du etwas zehn Jahre gemacht hast, mache es anders!
Mahatma Gandhi
Es reicht schon, wenn man beständig verharrt und an das "denkt" wo man hin möchte - und nicht wie im NHT üblich bei Nichtreaktion den Druck zu erhöhen. Zuküftig wird man bestimmte Aufforderungen nur mehr andeuten müssen, damit das Pferd reagiert, da es sich von seinem aktiven Einsatz ja einen Click mit Belohnung verspricht. Nur um die Richtigkeit der Definition vom positiven Bestärken zu wahren:
Positv bestärken im Sinne von Freiem Formen ist eigentlich nur dann möglich, wenn ich reagieren kann, ohne davor zu agieren.
Beim positiv Bestärken steckt ursprünglich die Philosophie des freien Shapens dahinter, da man gerade Wildtiere oder zB auch Katzen nicht effektiv mit Druck trainieren kann.
Juni 2010 (Bild von Steffi Doppler)
Wie funktioniert das Clickern denn nun eigentlich?
Das A und O beim Clickern ist das positive Bestärken von gezeigten (gewünschten) Reaktionen. Für dieses positive Bestärken wird ein bestimmtes Signal etabliert, das punktgenau und emotionslos in jeder Situation eingesetzt werden kann. Dieses Signal wird als positiv konditionierter Bestärker bezeichnet und heißt soviel wie "Bingo! Genau das möchte ich von dir haben - Gut gemacht." Oft ist dieses Signal das Knacken eines Knallfroschs. In der Praxis erwies sich dieser bei meiner Arbeit mit Dinah am Anfang als lästig - hatte ich doch nur mehr eine Hand frei. Deshalb hab ich bei uns den sogenannten Zungenclicker etabliert. Ein bestimmtes Schnalzen - unkompliziert und emotionslos! Heute haben wir auch erfolgreich den Clicker bei uns in den Alltag eingeführt, der noch zuverlässiger funktioniert.
Nicht das Genie ist 100 Jahre seiner Zeit voraus,
sondern der Durchschnittsmensch ist um 100 Jahre hinter ihr zurück.
Robert Musil
Das Wesen des Clickertrainings ist, dass jedes Lernziel in viele viele kleine Etappen aufgeschlüsselt wird, sodass man jede noch so kleine Tendenz in die gewünschte Richtung bestärken kann. Das Pferd lernt sozusagen zu lernen. Dabei ist das Timing von entscheidender Bedeutung. Der Click muss punktgenau in jenem Moment erfolgen, wenn das Pferd das gewünschte Verhalten zeigt, ansonsten kann es nicht entsprechend verknüpfen und es kann etwas positiv bestärkt werden, was man eigentlich gar nicht haben wollte. Und genau das ist der Sinn des akustischen Markers - man gewinnt wertvolle Zeit für die Belohnung und schafft quasi eine Überbrückung zum primären Bestärker.
Als primären Bestärker bezeichnet man alles, was das Pferd gerne mag, und wofür es bereit ist etwas zu machen - übergeordent steht der Begriff für einen Reiz, dessen Bedeutung das Tier nicht erst lernen muss. Vor allem Futter und Sozialkontakt zählen dazu, aber auch Dinge wie sich wälzen zu können uvm. Die Belohnung muss unmittelbar und ohne Umwege direkt auf den Click erfolgen. Je nach Trainingsstand, Frust- und Toleranzschwelle können bis zu einige Sekunden zwischen Click und Bestärker vergehen, in der das Pferd geduldig auf seine Belohnung wartet. Aber dennoch folgt immer ein Bestärker auf den Click - denn der Click ist nichts anderes als ein Versprechen, dass hinterher ein primärer Bestärker folgt. Auch wenn der Click selbst irgendwann Belohungscharakter erhält - es kommt ja beim Ertönen nachweislich zur Ausschüttung von Hormonen im Pferdekörper - so darf man die Belohnung nicht einfach weglassen. Dabei würde der Click an Bedeutung verlieren und mit der Zeit verwischen.
In freudiger Erwartung
Am Anfang wird der konditionierte Bestärker (Click-Geräusch) erst mal "geladen". Dazu stehen einem 2 Wege frei: die klassische und die operante Konditionierung. Bei der klassischen Konditionierung erfolgt unmittelbar auf den Click das Geben einer Belohnung, in diesem Fall Futter. Nach einer entsprechenden Anzahl von Wiederholungen wird das für das Pferd anfangs neutrale Clicken unbewusst und unwillkürlich mit einem natürlichen Reiz (Futter) besetzt. Es kommt quasi zur reflexhafter Reaktion. Grundlage dieser Erkenntnis bilden die Versuche mit dem Pawlow'schen Hund.
Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts.
Diejenigen, die aber das Unmögliche fordern,
erreichen wenigstens das Mögliche.
Michail Bakunin
Von operanter/instrumenteller Konditionierung spricht man, wenn das Pferd selbst aktiv wird/werden darf. Der Trainee lernt durch Erfahrung (Erfolg, Irrtum) bestimmte Konsequenzen herbeizuführen, die er als lohnend empfindet. zB kann man jedes Anstupsen eines Targets (Zielobjekt) belohnen - zukünftig wird das Pferd immer häufiger freiwillig (!) dieses Verhalten zeigen, da es sich davon eine Belohnung und Erhöhung der Fitness verspricht.
Wie man dem Pferd auf das den Click konditioniert, hängt immer vom Pferd selbst ab bzw. davon, wobei der Funke eher überspringt. Oftmals "funktioniert" die Konditionierung besser, wenn das Pferd die Bedeutung des Clicks in Verbindung mit einer Aufgabe lernt. Bei uns klappte das auf Anhieb mit der klassischen Konditionierung. Hat das Pferd erfasst, dass auf das Clicker-Geräusch immer etwas Positives erfolgt, ist man gewappnet für das Clickertraining. Dann muss das Pferd lediglich noch herausfinden (sofern es nicht schon operant konditioniert wurde), dass es vor der positiven Bestärkung etwas "erledigen" soll. Ein gut auf den Click konditioniertes Pferd erkennt man daran, dass dieses sofort nach dem Ertönen des Clicks seine Handlung abbricht und auf die Belohung wartet. Dann ist die Bedeutung des Clicks im Gehirn verankert.
Der Nachteil der Intelligenz besteht darin,
dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen.
George Bernard Shaw
Seitwärts...
Wenn man unnötiges Gebettle gar nicht erst herausfordern will, ist es wichtig, dass die Leckerli-Gabe von nun an nur mehr mit dem Clickertraining verbunden ist. Das Pferd bekommt kein Leckerli mehr "weils ja so süß ist", sondern ein Leckerli folgt nur mehr auf den Click. Generell haben die Pferde es bald heraus, dass Betteln nichts bringt - ansonsten gibt es gute Taktiken, dieses Verhalten auszulöschen.
Später, wenn ein bestimmtes Verhalten endgültig zur Routine geworden ist, clickt man nur mehr sporadisch - das nennt man variable Bestärkung und ist vergleichbar mit einem Spielautomaten. Nicht jedes mal, wenn man Geld hineinwirft, gewinnt man. Die variable Bestärkung ist sehr wichtig! Zu meinen, dass das Pferd alles wieder verlernt, wenn man nicht regelmäßig clickt, ist falsch. Ein erlerntes abrufbares Verhalten würde wahrscheinlich sogar an Intensität verlieren oder nachlässig werden. Sie ist wesentlich, damit ein vom Trainer gewünschtes Verhalten nachdrücklich beibehalten wird. Hier muss ich mich selber auch noch am Riemen reißen, weil ich es manchmal einfach zu gut meine - was sich letztendlich negativ auswirkt.
Ausbildung bedeutet, das zu lernen,
von dem wir nicht einmal wussten,
dass wir es nicht wussten.
Ralph Waldo-Emerson
Tricktraining macht sichtlich Spaß
Ebenso steht einem Verlaufslob/Keep-Going-Signal nichts im Weg! Es vermittelt soviel wie "Ja, du bist auf dem richtigen Weg, aber mach noch etwas weiter, bevor du den Click erntest" und erlaubt, dass man eine Lektion nicht abrupt mit dem Click unterbrechen muss. Denn der Abbruch und die damit verbundene kurze Pause werden sich zwangsläufig einstellen, wenn ein Pferd gut auf den Click konditioniert wurde. Entgegen vieler kritischer Stimmen "ich möchte nicht, dass mein Pferd dauernd stehenbleibt" hat die Pause (bei der es sich ja nur um Sekunden handelt - bis das Pferd zB fertigefressen hat) vor allem den Zweck, dass der Trainee das Geleistete im Gehirn auch verarbeiten kann. Allmählich kann/muss man die Dauer der Lektion immer weiter herauszögern bis der Click ertönt und sobald der Zustand gefestigt ist, auf die variable Bestärkung umsteigen. Reibungslosen Bewegungsabläufen, Lektionen in Folge steht somit nichts mehr im Wege. Keep-Going-Signale können sich neben dem kleinschrittigen Aufbau des Trainings als äußerst hilfreich erweisen, wenn man flüssige Bewegungsabläufe nicht unterbrechen möchte wie etwa beim Reiten oder Longieren. Und ebenso darf man nicht unterschätzen, wie hervorragend sich mit der Stimme Motivation und Emotionen übertragen lassen.
Was Verhaltensmuster, die vom Trainer nicht gewollt sind bzw. angebotene Reaktionen, für die es kein Signal gab, angeht, so werden diese ignoriert und damit einfach ausgelöscht. Aber ich muss gestehen, gerade am Anfang gelang mir das auch nicht immer und auch heute noch gibt es Ausnahmen. Die vielen Jahre mit dem "Versuch dem Pferd etwas abzugewöhnen" hinterließen auch bei mir ihre Spuren. Aber ich versuche die negative Verstärkung (sofern notwendig) so dosiert wie möglich einzusetzen (zB Impulse am Halfter). Positive Strafe vermeide ich, aber garantieren kann ich natürlich auch nicht, dass sie in brenzligen Situationen nicht mal nötig wird. Immerhin geht Sicherheit vor.
Es gibt mehr Menschen, die kapitulieren,
als solche, die scheitern.
Henry Ford
Bei uns hat sich gerade für neue Situationen Dinge, die Dinah nicht geheuer sind, und ihr Angst machen, das Clickertraining hervorragend bewährt. Hier darf sie selbst entscheiden, wie nahe sie ran möchte oder wieviel sie zulässt. Jeder angstfreie Schritt in die richtige Richtung wird von mir belohnt. Wenn sie sich dann endgültig über die Hürde traut, gibts den Jackpot - ein besonderes Leckerli oder eben ganz viel davon. Damit fördere ich gezielt ihren Ehrgeiz und ihre Neugier. Sie muss es nicht einfach über sich ergehen lassen, sondern hat die Wahl. Mit dieser Taktik kommen wir beide sehr viel besser zurecht - sie verkörpert vielmehr das, was ich mir unter einer positiven Lernsituation vorstelle. Dazu kommt, dass sie trotzdem sehr schnell lernt, weil sie einfach viel motivierter ist. Im Gegensatz zu früher, spielen wir nun tatsächlich und es gelingt auch immer öfter ihr komplexe Lernaufgaben verständlich zu vermitteln.
Eine entscheidende Rolle spielt, in welchem emotionalen Zustand das Lernen stattfindet. Beim Clickern bemüht man sich eine Übung positiv zu besetzen, indem man Gewünschtes bestärkt und "Falsches" ignoriert. Korrektur im Sinne von "Man lässt es erst zu unerwünschtem Verhalten kommen, um es dann zu bestrafen" unterbleibt. Diese positive Gemütsstimmung und die Tatsache, dass das Pferd etwas aus freien Stücken macht, wird von selbigem beim Lernen mitabgespeichert. Zu einem späteren Zeitpunkt wird das Pferd diese Lektion mit der positiven Grundstimmung vom Erlernen verknüpfen und sie mit Motivation und Freude ausführen.
Erfahrung ist der Name, den die Menschen ihren Irrtümern geben.
Oscar Wilde
Wird nun eine Übung mit einem Zuviel an Druck oder Gewalt, unter Angst oder Schmerzen eingetrichtert, dann ist es nicht selten der Fall, dass das Pferd eine negative Assoziation zu dieser Lektion oder auch in Verbindung damit zu bestimmten Handlungen, Gegenständen, Personen oder auch Umgebungen herstellt. Dies äußert sich beispielsweise im Schweifschlagen, einem angespannten Gesichtsausdruck, Herumzappeln oder Ohren anlegen. Hier sei auch noch das vergiftete Signal erwähnt, welches sich beispielsweise durch ein Hin- und Herswitchen zwischen Belohnung und Strafe etablieren kann. Neigt man dazu Verhaltensweisen, die mit positiver Bestärkung trainiert werden, und vielleicht mal fehlerhaft gezeigt werden, mit einer Korrektur (Strafe wie zB Zügelruck oder Gertenklatscher) "abzusichern" und das Nachkommen dieser Aufforderung zu bestärken, dann verliert der Click seinen positiven Charakter. Das kann zu Unsicherheit bis hin zum Zusammenbrechen des gesamten Verhaltens führen. Abgesehen davon, dass Lernen unter Stress nicht möglich ist, ist es ein himmelweiter Unterschied, wie wir unserem Vierbeiner etwas beibringen wollen und mit welchem Background er es später ausführt.
Die Möglichkeiten des "freien Shapens" oder "Capturing" erweiter das Spektrum des Clickertrainings noch zusätzlich und ungemein. Damit werden gezielt Handlungen des Pferdes, welche es (unbewusst) von sich aus anbietet ohne das es vorher dazu veranlasst wurde, verstärkt, indem punktgenau geclickert wird. Durch nochmaliges Zeigen dieser Handlung, um einen weiteren Treffer zu landen, kann man so etwas festigen, was ein Pferd von sich aus angeboten hat. Damit kann man ein relativ großes Trickrepertoire erarbeiten, wenn man das möchte, oder auch im Alltag Lektionen und Aufgaben völlig ohne Druck gestalten, indem man bestimmte Verhaltensdetail (Freies Formen) bzw. komplexe Verhaltensabläufe (Capturing) einfach einfängt. Besonders aber fördert es die Kreativität von Mensch und Pferd.
Der primäre Bestärker ist das A und O
Bei uns hat sich das Clickertraining als absolute Bereicherung erwiesen und in unseren Alltag Einzug gehalten - ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich ohne dieses Konzept der Kommunikation auskommen konnte. Ist es doch der schönste Weg sich seinem Vierbeiner mitzuteilen. Es hat einfach meinen Zugang zum Wesen Pferd auf den Kopf gestellt und dadurch unheimlich bereichert. Gerade was das Lernverhalten eines Individuum betrifft, so sehe ich die ganze Sache nun mit ganz anderen Augen - mit besseren. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, wie ich bei anderen Pferden clickere, die dann logischerweise nichts damit anfangen können. Noch sind wir lange nicht da angekommen, wo wir hinwollen. Und das macht auch überhaupt nichts. Eine neue Reise hat erst begonnen.
Am Ziel deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen:
dein Wandern zum Ziel.
Marie von Ebner-Eschenbach
FAZIT
Das unsagbar Schöne am Clickertraining ist die unglaubliche Vielfalt mit der es eingesetzt und gelebt werden kann. Die Möglichkeiten damit Lerninhalte aufzuschlüsseln und erfolgreich zu vermitteln sind mindestens so vielfältig wie das Lebewesen Pferd selbst. Es lässt Individualität und Kreativität zu und ist somit das effektivste und schönste Werkzeug, das ich je im Zusammenleben mit meinen Pferden in den Händen hielt und noch halte. Kommunikation pur!
So funktionierts: Lernprozesse im Überblick
Begriffsdefinition: Negative Verstärkung
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Kommentare: 1
Gerti - Echvel (Montag, 15 März 2010 12:02)
Hi Conny,
danke für den erfrischend geschrieben, informativen Text!!
DAS ist das, was ich mit meinen Pferden gern erreichen würde - ich glaube, der Clicker ist schon fast bestellt ;-)
LG Gerti