Was ihr im Folgenden lesen könnt, sind die Meilensteine, die ich auf meiner Suche nach einer wahren Partnerschaft durchlaufen hab und noch durchlaufe.
ABER: Ich möchte anmerken, dass ich heute einen ganz anderen Denkansatz und eine völlig überdachte Einstellung hinsichtlich "Partnerschaft mit dem Pferd" verfolge als in dem folgenden Beitrag beschrieben - zumindest versuche ich es. Der Kern des Ganzen ist, dass mich meine Erfahrungen ständig dazu bewogen haben, mich neu zu orientieren und Dinge zu verwerfen, die mir sauer aufgestoßen sind. Auch bin ich kein Anhänger irgendeines Gurus oder befürworte die kommerzielle Vermarktung irgendwelcher Techniken. Aber ich interessiere mich für dieses Thema, lese viel und hole mir überall das heraus, was ich für wertvoll erachte. Für mich gibt es nicht mehr nur Schwarz und Weiß - meine Ansichten sind viel bunter geworden ;o)
Die Wahrheit ist ein Verdacht, der andauert.
Ramón de Campoamor y Campoosorio
Was ich dennoch schön an dem Hype ums Natural Horsemanship finde:
Immer mehr Menschen machen sich, seitdem diese Ideologie aufgekommen ist, endlich Gedanken über das Wesen Pferd. Man verabschiedet sich von der Einstellung, dass es immer am Pferd liegt, wenn etwas schief läuft. Stattdessen wird das Unvermögen des Menschen in den Vordergrund gerückt, sich dem Pferd klar und vertrauenserweckend mitzuteilen – und das ist es, woran gearbeitet werden soll - an uns selbst. Dieser Grundgedanke ist zu befürworten. Ob das, was man im Alltag unter NH zu sehen bekommt, unter dem Deckmantel "gewaltfrei" zu finden ist, obliegt jedem selbst zu beurteilen - obwohl ich zu bedenken gebe: auch psychische Gewalt ist Gewalt - egal wie man es wendet oder dreht. Diese Erkenntnis ließ mich aufhorchen. Nun aber erst mal zu den Erfahrungen, die ich durch das Natural Horsemanship sammeln konnte...
Demut ist, wenn jemand ohne Verlangen, hoch geachtet zu werden,
seine Unvollkommenheit erkennt.
Baruch de Spinoza
Dinah und ich im August 2009
Also wenn ich an meine ersten Jahre als Reiter und Pferdebesitzer zurückdenke, dann kann ich im Nachhinein weder Vertrauen noch Respekt in der Form entdecken, wie ich es gerne gehabt hätte. Mein Pferd ging regelmäßig mit mir durch, scheute vor allen möglichen Gespenstern und rannte mich auch schon mal über den Haufen. In solchen Situationen tat ich dann meist genau das, was man nicht tun sollte. Ich verschlimmerte das Ganze noch, indem ich auch die Nerven wegschmiss. Ein Kreislauf von Misstrauen, Ärger und Angst begann.
Es irrt der Mensch, solange er strebt.
Goethe
Grobe und unfaire Handlungen meinerseits waren die Folge davon, worauf wiederum neue Widersetzlichkeiten und Panikreaktionen von meinem Pferd folgten. Damals schaffte ich den Absprung nicht. Einerseits, weil ich keine Ahnung hatte, und andererseits kannte ich es nicht anders. Meine reiterlichen Anfänge wurden geprägt von gewaltsamen Attacken auf Pferde, die nicht so „wollten“ wie der Reiter. Reißen, Schreien und Schlagen gehörten zum Alltag. Gepaart mit Ehrgeiz und Rücksichtslosigkeit kam es immer wieder zu unschönen Szenen, und das Reiten endete immer öfter mit Frustration - was auch sicherlich an den reiterlichen Anforderungen lag.
Jahrelang nahm ich einfach zur Kenntnis, dass Reiten eben „harte Arbeit“ ist, wenn man es zu etwas bringen will. Ebenso, dass man halt mal etwas härter durchgreifen muss, wenn man sich behaupten will. Vertrauen und Respekt waren in weite Ferne gerückt – dafür ist halt nicht jedes Pferd gemacht. Der Enthusiasmus und die Passion verblassten allmählich.
Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.
Mahatma Gandhi
August 2009
Erst als ich mir unverhofft ein 2-jähriges Pferd kaufte – eigentlich wollte ich ein gerittenes haben – stellte ich mir erstmals ernsthaft die Frage, ob es nicht auch noch andere Wege gibt, dahin zu kommen, was man als harmonische Partnerschaft bezeichnet. Ich wollte, dass sich etwas grundlegend ändert.
Einen einschneidenden Eindruck hat damals das Buch von Michael Geitner „Be Strict – Denken wie ein Pferd“ hinterlassen. Geprägt von Erkenntnissen von Monty Roberts ist dieses Buch so easy, unterhaltsam und logisch geschrieben - plötzlich fiel es mir damals wie Schuppen von den Augen. Klar, Dinge wie „Das Pferd ist ein Fluchttier und ein Herdentier“ wusste man bereits vorher, aber dieses Buch unterschied sich grundlegend von der üblichen oberflächlichen Literatur, die ich bis dahin konsumiert hatte. Endlich konnte ich nachvollziehen, wieso Pferde so sind, wie sie sind. Zum ersten mal bekam ich eine Vorstellung davon, was es heißt ständig auf der Hut sein zu müssen und dem, der oben auf sitzt, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Einmal so – dann wieder so – diese Inkonsequenz in unserem Handeln vermittelt dem Pferd nicht den Eindruck, als das es sich in Extremsituationen auf uns verlassen kann. Es sieht in uns keine Kompetenz.
Ein Problem ist halb gelöst,
wenn es klar formuliert ist.
John Dewey
Die Aha-Erlebnisse nahmen kein Ende und meine Einstellung zum Thema Pferdeerziehung nahm auf einmal eine 180°-Wendung – nach 10 Jahren! Es machte plötzlich Sinn, dass etwas 100 x auf der einen Seite funktioniert, und sich das Pferd daraufhin auf der anderen Seite anstellt, als hätte es das noch nie gemacht. Damals hat mich dieses Buch geprägt, das mir diese Tür zu einem anderen Umgang mit dem Pferd aufgemacht hat – auch wenn ich heute nichts mehr in der Form in unserem Alltag praktiziere. Aber es war DER Anfang.
Der Beginn ist der wichtigste Teil der Arbeit.
Platon
Der Grundsatz lautet (wie übrigens generell im Natural Horsemanship):
Gewünschtes angenehm und Unerwünschtes unangenehm zu machen. Die Tür zum gewünschten Verhalten wird durch gezieltes Einsetzen und Wegnehmen von Druck aufgestoßen.
Viele Ansätze aus dem Buch griff ich im Alltag mit meinem damaligen Pferd auf, und mit dem Ansatz Druck beständig aufzubauen und sofort loszulassen, wenn die gewünschte Reaktion folgt, feierte ich meine bis dahin größten „Erfolge“ in Sachen Kommunikation mit dem Pferd. Mit der neuen Einstellung zum Lebewesen Pferd, weil ich die Hintergründe nun klar vor Augen hatte, fiel es mir immer leichter, Ruhe und Geduld zu bewahren. Das A und O im Umgang mit Pferden. Früher eskalierte die Situation oft – nun reflektierte ich bestimmte Verhaltensmuster und begann noch mal von vorne. Nach nur einem Jahr hatte ich mit meinem nun 3-jährigen Haflingerwallach eine soviel bessere Vertrauens- und Respektbasis erarbeitet, wie ich es die 10 Jahre davor noch nicht erlebt hatte – und das mit einer Gelassenheit, wie ich sie mir nie hätte erträumen lassen.
Dazu bedarf es keines Natural Horsemanships! Vertrauen statt Dominanz...
Viele Jahre später, als ich wusste, dass wieder ein Pferd – Dinah - in mein Leben Einzug halten würde, wollte ich mein jahrelang stillgelegtes Wissen wieder auffrischen. In den meisten Büchern und Artikeln über NHT fiel immer ein Name – Parelli. Also dachte ich mir: „Wenn dieser Typ so viele Menschen geprägt hat, dann möchte ich mir das auch mal ansehen“.
Also kaufte ich mir kurzentschlossen das Heimstudium für Beginner – Trivial ausgedrückt eine „Do it yourself-Anleitung“ um zu verstehen, wie wir uns mit dem Pferd verständigen können, um Vertrauen und Respekt aufzubauen. Dabei steht das vermeintliche Menschentraining im Vordergrund. Wir als Zweibeiner müssen an unserer Einstellung und Körpersprache arbeiten, damit wir dann unseren Pferden unsere Wünsche klar mitteilen können. Wir sind nun mal keine Pferde. Wir riechen, bewegen und verhalten uns wie ein Raubtier – entsprechend müssen wir handeln, damit das Pferd trotzdem lernt, dass es uns vertrauen kann. Wie generell beim Natural Horsemanship ist das Ganze nicht einfach als "Übungsplan" zu sehen, nach dem man vorgeht um bestimmte Dinge zu erreichen, sondern es handelt sich dabei eher um eine Lebenseinstellung, die den gesamten Alltag mit dem Pferd prägt. Dem Konzept sollen die Erkenntnisse und Beobachtungen des natürlichen Verhaltens der Pferde untereinander zugrunde liegen. Vom ersten Eindruck her also ganz passabel und durchaus erstrebenswert.
Was man mühelos erreichen kann,
ist gewöhnlich nicht die Mühe Wert erreicht zu werden.
Ralph Waldo Emerson
Aber wie sieht der Weg dahin aus? Parelli wird nicht müde zu betonen, dass das Wesentlichste in seinem Konzept ist, dass man dem Pferd mitteilt, dass man ihm nichts Böses will. Die weitere Kommunikation mit dem Pferd baut anfangs auf den 4 Phasen des physischen Drucks auf - die Stärke varriert von einem Hauch von Druck auf das Fell bis hin zu Druck auf den Knochen.
Entscheidend ist dabei, dass man mit dem geringsten Druck beginnt und sich dann langsam auf die höchste Druckphase hocharbeitet, die dann solange gehalten wird, bis die gewünschte Reaktion erfolgt. Erfolgt die Reaktion schon vorher, wird sofort der Druck weggenommen und die Lage entspannt. So soll es zu einer immer feiner werdenden Kommunikation kommen, die letztendlich in Blicken oder Gesten mündet.
Parelli unterscheidet, dass er den Umgang mit Pferden nicht als „Arbeit“ sondern als „Spiel“ betitelt. Schon diese Kleinigkeit soll eine ganz andere Herangehensweise und Einstellung zur Folge haben. Mit den 7 Spielen - die auf der Logik des Fluchttiers Pferd basieren - möchte er jedem, der auf der Suche nach Vertrauen, Respekt und Harmonie etwas in die Hand geben, womit man sich diese Attribute erarbeiten kann. Und ja, es "funktioniert" tatsächlich. Auch mit Dinah habe ich einige Basisdinge durch diese Ansätze mehr oder weniger "erspielt". Allerdings war ich weit entfernt von jener wundervollen Beziehung, wie ich sie mir vorstellte. Meine Unzufriedenheit und vor allem die von Dinah wuchs und wuchs. Sie zeigte mir immer wieder, was sie von dieser Kommunikation hielt und scheute sich auch nicht davor mir zu drohen.
Die Meisten verwechseln Dabeisein mit Erleben.
Max Frisch
Massive Druckeinwirkung, wie ich sie nicht mehr machen wollte
Vorstellungen mit „Parelli-Pferden“ und auch Kurserfahrungen ließen mich zunehmend etwas vermissen. Bei vielen Pferden fehlt mir einfach die Freude, die Brillianz – kurz gesagt das Glitzern in den Augen, wenn sie etwas "uns zuliebe" machen sollen. Der Gesichtsausdruck mancher Pferde lässt oft eher den Schluss zu, dass einfach nur bestimmte Muster abgespult werden. Dazu kommt der teilweise sehr massive Einsatz von Druck und Dominanzgesten, was in mir schon immer ein schlechtes Gewissen auslöste. Schaut man genauer hin, sieht man welch ungeheurem Stress manche Pferde ausgesetzt sind bzw. manchen sieht man an, dass sie schon lange resigniert und aufgegeben haben (Stichwort: erlernte Hilflosigkeit).
Jetzt einige Zeit hinterher muss ich mir eingestehen, dass das Ziel nicht den Einsatz von Gewalt - sowohl psychische als auch physische - rechtfertigt. Und wenn man ehrlich zu sich ist, dann toleriert man genau diese Gewalt. Es wird einem suggeriert, dass der Weg hin zu Vertrauen, Respekt und Harmonie anfangs nicht ganz so "harmonisch" und unliebsam aussehen kann - aber der Zweck heiligt die Mittel. Menschentraining, welches aus Seilschlenkern und Stickgeklopfe zu Lasten des Vierbeiners besteht? Spielen, was sich nicht in Spielgesichtern, sondern durch in sich gekehrte Blicke und ausdruckslose Augen ausdrückt? Ausdrücke, die die wahre Natur des PNH's meiner Meinung nach verschleiern und die nichts anderes tun, als den teilweisen massiven Einsatz von Druck und Gewalt blumig zu umschreiben. Letztendlich reagieren die Pferde schon auf Andeutungen oder Blicke mit dem Verlangten, was für viele so erstrebenswert aussieht. Die Kommunikation erfolgt ja quasi mit nichts - dahinter steckt aber oftmals die Angst vor weiteren - für das Pferd - negativen Konsequenzen.
Heute betrachte ich das Ganze aus einem anderen Blickwinkel und wie Ingrid Klimke schon sagte: Gutes Reitens sollte immer ansprechend aussehen. Denselben Grundsatz vertrete ich mittlerweile beim Pferdetraining.
Gute Grundsätze - zum Extrem geführt, verderben alles.
J.C. Bossuet
Das ständige „Weichen lassen“ des Pferdes zur Erarbeitung von Respekt und Vertrauen bzw. um seine "Rangposition" zu festigen und die Einteilung in verschiedene Levels auf den Weg zum Pferdemenschen, waren nur 2 von vielen Dingen, die mich mehr und mehr diesen Trend hinterfragen ließen. In den paar Monaten, wo ich NH nach Parelli's Grundsätzen praktizierte, drängte sich mir oft ein "sektengleicher" Eindruck auf. Je mehr ich darüber hörte, sah und las, desto weniger wohl fühlte ich mich damit - und vor allem Dinah.
In mir begann es zu rotieren und als ich dann noch Bilder und Videos sah von Leuten, die zu ihren Pferden ein wundervolles Vertrauensverhältnis hatten und herrliche Dinge gemeinsam vollbrachten, ohne sich dem NH verschrieben zu haben, begann ich mich allmählich von der Philosophie des NH's loszusagen und mich den modernen wissenschaftliche Erkenntnissen, was den Umgang zwischen Pferd und Mensch betrifft, zuzuwenden. Ich habe meine Entscheidung niemals bereut, auf mein Pferd gehört zu haben. Endlich fühlt es sich gut und richtig an, und unter uns: wenn ich heute zurückblicke, dann beschleicht mich ein Gefühl der Scham. Das jemals meinem Pferd zugemutet zu haben - auch wenn es bei mir nie solche Ausmaße angenommen hat, wie ich es bei vielen vielen anderen sehe und erlebe und sich mein Irrweg mit Dinah "nur" über ein paar Monate erstreckte - weckt in mir das Gefühl, dass ich unheimlich viel gutzumachen habe.
Große Lehrer lehren ihre Schüler die Suche nach Wissen,
und bleiben dabei selbst demütige Schüler.
Mark Rashid
Das NH hat mir den Weg zu MEHR bereitet. Mehr aber auch nicht. Offensichtlich ist nicht jedes Pferd damit einverstanden, toleriert die teilweise massiven Auswüchse, die immer wieder mit Rangordnungsklärung zwischen Mensch und Pferd begründet werden, dieses Umgangs und entwickelt sich unter diesen Umständen sogar noch zu einen verlässlichen und freudig mitarbeiteten Freund - wie auch? Hinter dem NH steckt ein ganzes Gedankenkonstrukt, welches nach modernen Erkenntnissen nicht mehr haltbar ist. Weder sehen uns unsere Pferde als Artgenossen, noch sind wir fähig uns eine Körpersprache anzueignen, die der der Pferde gleicht. Weder müssen wir das vermeintliche Dominanzverhältnis jedes Mal aufs Neue klären, noch besteht eine Kommunikation ausschließlich aus Einfordern von Raum und Respekt. Weder müssen wir mit steigendem Druck unsere "Wünsche" durchsetzen, noch sind wir gezwungen eine so einseitige Art der "Partnerschaft" zu leben, die immer wieder mit "natürlichem Pferdeverhalten" gerechtfertigt wird. NH ist nichts anderes als Lernen mit negativer Verstärkung garniert mit einer veralteten Anschauung, was das Wesen der Pferde betrifft.
Im Nachhinein fühle ich mich "Gefangen in meinem Denken", da wir doch mit Individuen zusammenarbeiten, die mehr Einfühlungsvermögen verdienen, als sich stur einer Technik und Methode zu verschreiben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas gibt, was mich total umkrempeln sollte: Der Weg des positiven Bestärkens. Spielen bekommt eine Neue Dimension - hier gehts weiter.
Spielen bekommt eine neue Dimension...
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Kommentare: 6
Judith (Freitag, 21 Januar 2011 12:26)
Hallo!
Ich bin so froh, dass ich deine Seite entdeckt habe!
Deine Artikel sind sehr informativ und bestätigen mich.
Seit 8 Wochen lebt eine 3 jährige Stute bei mir. Da dies mein erstes Jungpferd ist, wollte ich alles richtig machen und habe NH Stunden genommen. Und seitdem wird alles nurnoch schlimmer. Ich leide, wenn mein Pferd Angst vor mir hat bzw. wenn sie aggresiv auf mein "Dominanzverhalten" reagiert. Damit ist jetzt Schluss! Allerdings bin ich noch etwas verunsichert. Wie würdest du reagieren, wenn dein Pferd nach dir beißt, vor dir steigt, dich umrennt? (...erstmal den Grund für die Unzufriedenheit hinterfragen?) Einfach ignorieren in dem Moment?
LG
Judith
Conny (Freitag, 21 Januar 2011 14:12)
Teil 1:
Hallo Judith,
nachdem du mir keine E-Mail-Adresse hinterlassen hast, antworte ich dir hier ;).
Vielen Dank für dein Feedback. Ich weiß, wie es dir geht. Meine Absichten waren von denselben Hintergründen bewegt - ich wollte einfach alles richtig machen mit meinen Pferden und hab dabei irgendwie den Bezug zum Lebewesen selbst verloren. Pferde sind halt keine Maschinen, die einfach nach Schema F "funktionieren".Ich hab auch vieles zu eindimensional betrachtet, aber es ist zum Glück nie zu spät eine andere Richtung einzuschlagen.
Dinah hat ähnliche Anstalten gemacht, auf mein "Dominanzgefuchtle" zu reagieren. Sie hat mir mit dem Hinterbein gedroht und auch die Ohren angelegt, nach mir geschnappt - die Ausprägung war aber wahrscheinlich eine andere als bei einem bereits 3-jährigen Pferd.
Es ist klar, dass dich dieses Umdenken erst mal verunsichert, aber was noch viel wichtiger ist: Sicherheit steht an oberster Stelle! Ein beißendes, steigendes, den Menschen umrennendes Pferd stellt für uns Menschlein eine Gefahr dar - da ist Prävention das erste Mittel der Wahl.
D.h. ich persönlich versuche solche Situationen gar nicht erst zustande kommen zu lassen. Das beginnt bereits dabei, dass ich als Clickerfan hinter einer Barriere beginnen würde zu arbeiten zB bei der Konditionierung auf den Clicker, damit mich das Pferd nicht bedrängt, wenn es denn auf einmal ans Futter möchte. Von der Barriere kann ich jederzeit zurücktreten. Hat das Pferd das Prinzip erst mal verstanden, dann würde ich je nach wie sicher ich mir bin bzw. je nach Pferdetyp alles weitere hinter einer Barriere ausbauen. D.h. ich kann mein Pferd trotzdem trainieren, ohne mich in die "ungute" Zone begeben zu müssen. Vielleicht bietet Pferd Kopfsenken aus freien Stücken oder eine Bewegungsverlagerung nach hinten an - das wird dann belohnt. Daraus entwickelt sich dann zB ein Rückwärtsgehen, ohne, dass ich mit dem Seil schlenkern muss und das Pferd womöglich aus der Fassung gerät. So kann man seinem Pferd sukzessive Bewegungsabläufe beibringen, die sich nicht mit einem Steigen (Pendant dazu ist Kopfsenken) oder Umrennen (Rückwärtsgehen als Contraübung) vereinbaren lassen.
Ignorieren in brenzligen Situationen ist ein schwieriges Kapitel - ich handle da nach wie vor intuitiv und reflexhaft um Schlimmeres zu verhindern, wenn es denn mal dazu kommt. Ist die Situation für mich (und/oder Pferd) bedrohlich und gesundheitsgefährlich, dann rupf ich schon mal am Halfter oder werf mal ein mahnendes Wort ein, bevor eine von mir fehleingeschätzte Situation eskaliert. Ich möchte allerdings, dass solche Szenen absolut die Ausnahme bleiben - viel mehr Wert leg ich auf ein adäquates Training im Vorhinein und eine reele Einschätzung der Umstände, auf Vertrauensaufbau und kleinschrittige Arbeit, damit das Pferd auch die Sicherheit bekommt, was von ihm erwartet wird.
Conny (Freitag, 21 Januar 2011 14:45)
Teil 2:
Ein Schnappen nach dem Strick oder in den Ärmel ist für mich jetzt kein Verhalten, was ich maßregle. Da versuche ich mit Ignorieren oder Time-outs einfach das Verhalten abzuschwächen bzw. zum Verschwinden zu bringen. Natürlich bemühe ich mich darum, zu erkennen, warum Pferd denn so reagiert – in den allermeisten Fällen ist es negativer Stress. Darauf versuche ich im Training dann Rücksicht zu nehmen.
Wie du auch schreibst, ist für mich die Ursachenforschung wichtig. Haltung und Gesundheit spielen eine wesentliche Rolle, jedoch ist halt in sehr vielen Fällen der Umgang des Menschen mit dem Pferd Auslöser für solch ein wehrhaftes Verhalten des Vierbeiners. Mit dem Clickern kann ich dem Pferd völlig gewaltfrei mitteilen, dass die Kommunikation mit mir schön sein kann, das es sich lohnt mit mir zu arbeiten, dass ich andere Absichten verfolge als die vollkommene Unterwerfung. Viele Pferde verändern sich schon allein dadurch zum Positiven.
Fazit also: Das Wichtigste ist Sicherheit für Mensch und Pferd. Versuche deinem Pferd hinter einer Barriere die Grundlagen des neuen Zusammenseins zu vermitteln. Da bist du nicht gezwungen strafend/mahnend einzugreifen, sondern kannst dich einfach zurückziehen und dadurch nicht erwünschten Verhaltensmuster deines Pferdes mit einer Auszeit begegnen. Ignorieren würde ja bedeuten, dass du so tust als ob nix wäre und einfach weitermachst, und das ist je nach Situation nicht immer zu 100 % praktizierbar.
Danach hab ich auch viel auf kleinem Raum geübt, wenn die weitläufige Umgebung für Stress und Unruhe sorgte. Im bekannten Umfeld lässt sich viel besser eine Vertrauensbasis und Sicherheit schaffen (und daran arbeiten wir nach wie vor ;)). Vor allem niemals in großen Dimensionen denken, sondern versuchen, alles so kleinschrittig wie möglich aufzubauen, damit Pferd auch versteht um was es geht. Damit du auch die Möglichkeit hast bestimmte Dinge fest zu verankern, die dir in eventuellen Problemsituationen dann helfen. Im Notfall kann man dann noch immer die Notbremse ziehen...
Aber aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass solche "Notfälle" Seltenheitswert haben, wenn man umsichtig genug vorgeht. Immerhin sind unsere Pferde auch noch jung und müssen erst lernen, in unserer Welt klarzukommen, ohne dem Menschen dauernd auf die Füße zu treten. ;)
Hier gibt es wahnsinnig viele Ansätze, das Pferd vom Weg "mit" dem Menschen zu überzeugen und ich kann auch nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen - die halten sich halt auch in Grenzen. Vielleicht schaust du dich hier ja noch etwas um, da hab ich das ein oder andere Thema schon zu Sprache gebracht. Ich kann dir auch das Clickerforum (www.clickerforum.info) sehr ans Herz legen. Da bekommst du tolles Feedback und allerlei Input für viele verschiedene Problemstellungen, grade wenn du noch verunsichert bist.
Ich wünsch dir alles Gute mit deiner Stute und drück dir die Daumen, dass du bald das Traumpferd vor dir hast, das du dir wünscht. ;) Die Tatsache, dass du nicht bereit bist in Kauf zu nehmen, dass dir dein Pferd ein klares "Nein" gibt, zeugt davon, dass du auf dem besten Weg bist, einen Weg zu finden, dein Pferd für dich zu gewinnen. Aber aller Anfang ist schwer, nur muss man ihn erst mal machen... Und denk dran: Safety first.
Würd mich freuen, wieder von dir zu hören/lesen.
Alles Liebe
Conny
Judith (Mittwoch, 26 Januar 2011 09:03)
Hallo Conny!
Hier eine Rückmeldung meinerseits. (Diesmal auch mit E-Mail-Adresse ;-)
Seit einigen Tagen arbeite ich ohne "Dominanzgefuchtel" und wir machen große Fortschritte. Auch habe ich mir das Buch "Trainingsbuch Pferdeerziehung" zur Unterstützung gekauft, das wirklich sehr gut ist. Leider habe ich nicht die Möglichkeit ersteinmal hinter einer Absperrung zu arbeiten bzw. im Moment ist die Situation generell ungünstig am Stall (aber ich werde bald umziehen). Aber seit ich anders mit meiner Stute arbeite, flippt sie garnicht mehr aus in der Halle. Keine Versuche mehr mich umzurennen. Unmutsbekundungen in Form von Kopfschlagen und mal knabben gibt es zwar noch, aber das wird auch immer weniger. Seit ich mit Leckerlies belohne ist sie auch total motiviert - meistens sogar etwas übermotiviert. ;) Dann wird alles ohne Aufforderung vor mir abgespult mit erwartungsfrohem Blick (dann bekommt sie natürlich nichts). Gestern musste ich mal herzhaft lachen: Wir haben mit dem Targettraining angefangen und nach dem ersten Nasenstubser mit folgender Belohnung hat sie ein Tempo an den Tag gelegt. So schnell konnte ich sie garnicht belohnen, wie sie gestubst hat. Als ich das Training dann beendet habe und den Kochlöffel auf den Boden gelegt habe, hat sie ihn auf dem Boden angestubst und war ganz empört, als keine Leckerchen kam bzw. als sie vom Löffel weggeführt werden sollte. ;) Ihre Frustrationsgrenze ist im Moment noch ziemlich niedrig und sie kann auch mal ganz schön aufdringlich werden, aber dennoch war es eine gute Idee mit Futterbelohnung zu arbeiten. Jetzt haben wir beide mehr Spaß an der "Arbeit"!
LG Judith
Conny (Mittwoch, 26 Januar 2011 20:37)
Hi Judith,
ich freu mich total mit dir. So eine Verwandlung des Pferdes - dass es nicht mehr "ausflippt" - ist sehr oft die Folge, sobald man von diesen Rangordnungskämpfen wegkommt. Die "Probleme" lösen sich teilweise von selbst, weil man mit viel mehr Einfühlungvermögen und einem gänzlich anderen Fokus an die Sache rangeht. Dennoch sollten meine Tipps eben nicht zu sorglos rüberkommen - ich möchte nämlich nicht den Eindruck vermitteln, dass es ok ist, wenn Pferd beißt, tritt und umrennt. Grade, weil ich dich und dein Pferd nicht kenne, ist mir wichtig, dass die eigene Sicherheit über dem Trainingskonzept steht bzw. man Möglichkeiten gezeigt bekommt, die erst mal die nötige Sicherheit und das ersehnte Vertrauen vermitteln.
Aber anhand deines Berichts glaub ich, dass du das prima hinkriegen wirst. Von heut auf morgen werden auch nicht alle Sticheleien und Unmutsbekundungen weg sein, aber man kann diese ja auch als Chance sehen, sein Training zu verbessern und darauf einzugehen.
Übermotivation kenn ich auch - da arbeite ich sehr viel mit Kopfsenken und generell ruhigen Übungen, denn das bringt die Pferde teilweise hervorragend wieder runter. Mit dem Target kannst du es dir auch einfacher machen, wenn du die Dinge hinterher gleich wegräumst (außer Sichtweite), um nicht unnötig Frust zu schüren. Dann wird das Target selbst zum Signal, wenn es nicht da ist, gibts auch keinen Anlass nicht wegzuwollen. Wichtig finde ich auch - grade bei so hochbestärkten Übungen - den ersten Schritt weg zu bestärken. Damit spart man sich auch oft unnötigen Frust.
Die Frusttoleranz ist bei jungen Pferden meist sehr viel geringer als bei älteren Semester. Auch ich bin mit Dinah momentan wieder total back to basics gegangen und arbeite mit ihr an einer ausgeprägteren emotionalen Selbstkontrolle. Dadurch erhoffe ich mir, dass die inzwischen eh schon sehr guten Futtermanieren noch besser werden. Ich lege da sehr viel wert drauf und so macht arbeiten mit Futterbelohnungen auch Spaß! Und man darf eins nicht vergessen: Futtermanieren lernt ein Pferd nur durch Füttern. Alles andere ist Problemvermeidung und würde uns eines so tollen Motivationswerkzeugs berauben. Die Konsequenz, die man da am Anfang investiert, zahlt sich aus. Deshalb Daumen hoch, dass du nicht bei den erstbesten Aufdringlichkeiten gleich die Flinte ins Korn wirfst ;).
Es ist total schön zu hören, wie sich dein Pferd offenbar verwandelt und endlich Freude an der Arbeit mit seinem Menschen entwickelt. Mach so weiter und ich glaub, du wirst noch viele Überraschungen erleben und mit deinem Pferd glücklich werden.
VlG Conny
Vica (Dienstag, 19 April 2011 21:23)
"... Ausdrücke, die die wahre Natur des PNH's meiner Meinung nach verschleiern und die nichts anderes tun, als den teilweisen massiven Einsatz von Druck und Gewalt blumig zu umschreiben. Letztendlich reagieren die Pferde schon auf Andeutungen oder Blicke mit dem Verlangten, was für viele so erstrebenswert aussieht. Die Kommunikation erfolgt ja quasi mit nichts - dahinter steckt aber oftmals die Angst vor weiteren - für das Pferd - negativen Konsequenzen..."
Stimme genau zu , danke für deine Artikel ))
L.G Vica