Juni 2010 (Bild von Steffi Doppler)
Mitte Juli 2010. Ich gehöre zwar zu den Menschen, die voll und ganz hinter dem Konzept des Clickertrainings und der für mich damit verbundenen essentiellen Einstellung stehen, aber gehöre ich nicht zu jenen, die mit militantem Nachdruck den Rest der Welt dazu bekehren möchten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Bemühungen solcher Verfechter den Uneingeweihten eher abschreckt als neugierig macht. Stattdessen bemühe ich mich, Vorbild zu sein. All jene, die bereit sind mal über den Tellerrand hinauszusehen, fragen früher oder später eh nach oder kommen an den Punkt, an dem sie aufbrechen zu neuen Ufern. Und all die anderen sind meist eh nicht bereit ihren Umgang mit und ihren Zugang zum Pferd zu überdenken.
Wozu sich also Stress machen? Ein einziges Mal hab ich mich auf eine so unnötige Diskussion eingelassen, und es hinterher bereut. Gerade das Clickertraining steht doch für Liberalität und Zugestehen von Meinungen, für Entscheidungsfreiheit und Individualität - man sollte es also auch leben und nicht nur predigen. Jeder soll mit dem glücklich werden, was er bedenkenlos vertreten kann, aber eben mit dem Hintergrund, seinem Pferd nicht zu schaden und ihm Freude im Beisammensein mit uns zu vermitteln. Alles andere wäre nicht authentisch und sowohl Pferd als auch Mensch ist damit nicht geholfen.
Auch die Wahrheit gedeiht nur
in einer bestimmten Vegetation und Temperatur.
Sobald man sie erhitzt, wird sie fanatisch,
sobald man sie unterkühlt, zynisch.
Martin Kessel
Ich bemühe mich darum, zu zeigen, dass es neben den herkömmlichen Umgangs- und Ausbildungsmethoden auch etwas gibt, was einem erlaubt das Training noch motivierender und noch vielfältiger zu gestalten. Ob das nun diese HP ist, auf der sich jeder freiwillig aufhält, oder unsere Clicker-T-Shirts, die einfach einen Anreiz für Neugierige geben sollen. Diejenigen die nachfragen, bekommen gerne Rede und Antwort gestellt, aber Aufdrängen halte ich nicht für zielführend.
Im Kampf gegen die Bremsen (Bild von Steffi Doppler)
Die Entscheidung ist gefallen: Man lässt sich auf das Clickertraining ein - was letztendlich der einzelne daraus macht, obliegt jedem selbst zu entscheiden. Wichtig finde ich dennoch, dass man sich mit den Grundlagen auseinandersetzt um es mit dem notwendigen Background und der auch hier erforderlichen Kritikfähigkeit betreiben zu können. Vor allem wenn Probleme auftreten, die in den allermeisten Fällen vom Menschen (zB schlechtes Timing, zu hohe Anforderungen, Planlosigkeit) ausgehen, dann sollte man auch so ehrlich sein und sich das eingestehen. Leider hört man immer wieder von Leuten, die das gesamte Konzept - dabei ist es doch so variabel - in den Dreck ziehen und verteufeln, nur weil sie nicht die entsprechenden Konsequenz und Einstellung an den Tag legen konnten.
Es gibt viele Menschen, die sich einbilden,
was sie erfahren, verstünden sie auch.
Goethe
Juni 2010 (Bild von Steffi Doppler)
Die Wege des Clickerns sind mannigfaltig. Nicht jeder betreibt es mit soviel Herzblut, dass er seine eigenen Erwartungen zurückstellt, um dem Pferd die oft ungewohnte Meinungsfreiheit zuzugestehen. Aber auch das kann zB bei unsicheren Pferden gar nicht das Mittel der Wahl sein, da gerade solche Pferde am Anfang mit einem Zuviel der neu gewonnenen Entscheidungsfreiheit (zB im Sinne von freiem Formen) überfordert sind. Diese Pferde tun sich vielleicht mit einem vertrauensvollen Führer an ihrer Seite, der sie mit sanfter Hand leitet, leichter. Im Laufe der Zeit werden die Pferde mutiger und bekommen mehr Selbstvertrauen, dann stellt sich die Eigeninitiative meist von selbst ein.
Was ich mit dem Clickertraining verbinde? Ich möchte nicht mehr auf "gewaltbetonte" Praktiken zurückgreifen müssen. Aber worauf ich immer wieder mal angesprochen werde: Wie lässt sich diese Einstellung umsetzen, wenn es zu einer brenzligen Situation kommt, in der meine Sicherheit auf dem Spiel steht?
Man kann einen Krieg genauso wenig gewinnen wie ein Erdbeben.
Jeannette Rankin
Mir ist bewusst, dass ich es mit einem Tier zu tun habe, das totz aller Domestikation von Instinkten getrieben wird. Ich denke, wenn der Vierbeiner mal wirklich aus dem Ruder läuft, sodass es bedrohlich wird, ist man wahrscheinlich nicht mehr imstande rational zu denken, die Vor- und Nachteile der nachfolgenden Reaktion abzuwägen. Man wird einfach alles daran setzen, aus der Situation gesund hervorzugehen. Und ich spreche hier absolut nicht von böswillig aggressiven Pferden, die gelernt haben, dass dies die einzige Möglichkeit ist, den ungeliebten Menschen bzw. die Handlungen, die mit seinem Auftreten einher gehen, loszuwerden. Und ich spreche auch nicht von "frechen" (das steht hier bewusst in Anführungszeichen!) Pferden, die mal zum Frustabladen schnappen, sondern zB von Pferden, die sich kopflos aus einer furchterregenden Lage befreien wollen und nicht mehr dran denken, dass da noch ein 2-Beiner hinterherbaumelt oder ein Auto daherrast.
Im frischen Vorwärts voran (Bild von Steffi Doppler)
Es ist natürlich selbstverständlich, dass man die Bedingungen reell einschätzen muss/sollte und auch sein Pferd so vorbereitet, dass man dieses Risiko soweit es irgendwie möglich ist, minimiert. Prävention heißt das Credo!
Nur indem man das Unerreichbare anstrebt, gelingt das Erreichbare.
Nur mit dem Unmöglichen als Ziel, gelingt das Mögliche.
Miguel de Unamuno
Aber selbst wenn Entspannungsübungen und -kommandos solange trainiert werden, dass sie das Pferd im Schlaf ausführt, ohne darüber nachdenken zu müssen, so würde ich persönlich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass diese auch zu 100 % in einer völlig neuen und unvorhergesehenen Paniksituation abrufbar sind. Man kann und sollte daran arbeiten, die Toleranzschwelle soweit wie möglich zu senken und in Kombination mit konditionierter Entspannung das Pferd zum Überwinden seines Fluchtinstinkts zu bewegen, aber bei vielen Pferden wird wahrscheinlich eine kleine Unsicherheit bestehen bleiben. Ich kann von mir also nur sagen, dass ich in solchen Situationen reflexartig handle, um Schlimmeres zu verhindern, wie die meisten anderen auch. Deshalb sehe ich mich noch lange nicht als Verräter an meinen Prinzipien und werd auch nicht von einem schlechten Gewissen erdrückt, solange es die Ausnahme bleibt und nicht zur Routine wird. Manches mal bewahrt einen ein Klapps oder plötzlicher Aufschrei vor weit schlimmeren Problemen...
Für mich persönlich ist es halt wichtig, dass ich einerseits meinem Pferd die Konstanz gebe, dass sich das Konzept der positiven Bestärkung wie ein roter Faden durch den gesamten Trainingsalltag zieht, andererseits möchte ich immer offen für andere Aspekte, Meinungen und Gestaltungsmöglichkeiten bleiben.
Es gibt ebensowenig hundertprozentige Wahrheit
wie hundertprozentigen Alkohol.
Sigmund Freud
So erarbeite ich zB Tricks und viele andere Dinge über das freie Formen, wo ich auf sämtlichen Druck verzichte, damit Dinahs Kreativität sich voll entfalten kann. Aber ich muss mir auch im Klaren drüber sein, dass, wenn ich später mal Longieren oder Reiten möchte, dies nicht genauso umsetzbar sein wird. Sobald ich das Pferd mit Zügel-, Schenkel-, Gewichts- oder Peitschenhilfen konfrontiere, übe ich Druck aus. Eine wirklich sinnvolle Gymnastizierung wäre meiner Meinung nach anders nur sehr eingeschränkt möglich. Vor allem wäre es nicht "mein Ding", was soviel heißt, dass ich mich damit nicht identifizieren könnte, abgesehen davon, wäre es mir zeitlich zu mühsam. Und so bewege ich mich ständig zwischen zwei Extremen:
Die eine Seite sind die Menschen, die ihre Erwartungshaltung an das Pferd so runterschrauben, dass sie auf viele Dinge verzichten, weil sie diese mit ihrem Ideal nicht vereinbaren können. Und die andere Seite setzt einfach den absoluten Gehorsam des Pferdes voraus, den es ohne Wenn und Aber einzufordern gilt.
Wälzen oder nicht? Erst mal knien...(Bild von Steffi Doppler)
Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann laufe ich oft Gefahr, dass ich von einem Extrem ins andere kippe, allerdings versuche ich das gerade hier zu vermeiden. Ich bin ehrlich: Ich habe eine bestimmte Erwartungshaltung an mein Pferd, es gibt Regeln, an die wir uns beide halten (sollten) und ich möchte später nicht so eingeschränkt sein, dass mein Denken keine anderen Erfahrungen zulässt. Ich denke einfach, dass ich für uns einen Weg finden muss, der einerseits - fernab von Zwang, Unterdrückung und Schmerzen - Freude und Motivation für das Pferd bringt, und andererseits mir dabei hilft auch meine Interessen Realität werden zu lassen. Und dieser Weg ich sicherlich nicht bei jedem Pferd-Mensch-Paar gleich und hängt eben davon ab, wo die Reise hinführen soll. Allerdings darf dieser Weg niemals so aussehen, dass Hinsehen, Einfühlen und Spüren auf der Strecke bleiben. Mein Pferd wird den Freiraum haben, "Nein" sagen zu dürfen, und ich werde mich darum bemühen, es von meinen guten Absichten und von der Sinnhaftigkeit der Übung zu überzeugen. Keinesfalls werde ich seine Reaktion ignorieren und mich ohne Zuzuhören drüber hinwegsetzen.
Es ist traurig, eine Ausnahme zu sein.
Aber noch viel trauriger ist es, keine zu sein.
Peter Altenberg
Das Clickertraining kann hier wundervolle Vorarbeit leisten, den Weg ebnen und weiterhin unterstützen. Es gibt einem ein so tolles Werkzeug in die Hand, eines mit dem man einfach im Stande ist, Lerninhalte schrittchenweise zu vermitteln, und es schult sowohl Timing als auch Wahrnehmung enorm. Darauf kann ich aufbauen und unter diesen Umständen kann das Pferd auch lernen mit Druck umzugehen, weil man einfach lernt, ihn fair und dosiert einzusetzen, wenn erforderlich. Dadurch bekommt er den Charakter einer Hilfe und nicht den eines Knechtmittels.
Clickertraining bzw. die Einstellung, dass es keine Rangordnungskämpfe zwischen Mensch und Pferd braucht um Respekt und Vertrauen zu erarbeiten heißt nicht antiautoritäre Erziehung, wie es uns gerne unterstellt wird. Es bedeutet auch nicht Laissez-faire-Stil. Natürlich möchte ich mein Pferd dazu bringen, dass es mir als den führenden Part in unserer Gemeinschaft vertraut, Gewünschtes umsetzt und auf mich Acht gibt. Allerdings stehen mir Mittel und Wege zur Verfügung, die sich so gestalten, dass es beiden Parteien Spaß macht und der Alltag nicht nur zum einseitigen Vergnügen wird. Ich vergleiche es wie viele andere auch gerne mit dem Tanzen: Die Führung des einen Partners wird hier weder als unangehm noch überlegen empfunden - stattdessen beflügelt es beide zum Schweben über das Parkett, lässt sie gemeinsam über ihre einzelnen Leistungen zu einem großen Ganzen hinauswachsen. Ich stelle mir vor, dass es sich zB beim Reiten ähnlich verhält.
Worte sind das schlechteste Mittel,
Schönheiten, die das Auge genossen hat,
lebhaft wieder erstehen zu lassen.
Otto Julius Bierbaum
So gerne ich mich auch des Freien Formens bediene, beim Reiten stösst man damit meiner Meinung nach an seine Grenzen. Aber Druck im Sinne von negativer Verstärkung ist nicht zwangsläufig schlecht und unzumutbar fürs Pferd. Negativ ist ja nicht wertend gemeint, sondern beschreibt lediglich das Weglassen eines Reizes, welchen das Pferd vielleicht auch nur als ganz geringgradig "unangenehm" empfindet - keine Rede davon, dass man brachial einwirken muss. Das kann sich zB auch nur im Rahmen eines sich-verschieben-der-Balance abspielen. Wendet man negative Verstärkung mit Bedacht und dosiert (!) an - immer ein Auge darauf, ob das Pferd Stressanzeichen äußert, denn dann wäre "Fuss vom Gas" angebracht - kann es den Vierbeiner dazu bringen, sich vertrauensvoll der Führung des Reiters/Longenführers hinzugeben, sodass e im besten Fall selbst Freude an der Bewegung empfindet und sich anmutig präsentieren lernt.
Zumindest bemühe ich mich darum, auch wenn Dinah einen da mit ihrem Haflingereigensinn gepaart mit dem Temperament eines Vollblüters oft vor große Herausforderungen stellt. Im Endeffekt ist es aber so, dass ich die Form und den Rahmen der Kommunikation vorgebe und auch konsequent, aber im bestmöglichen Einklang, umzusetzen versuche - für alles andere sind mir 500 kg geballte Kraft und Temperament einfach zu viel. Die Sicherheit geht IMMER vor.
Mein Mädl (Bild von Steffi Doppler)
Auch mit dem Verlaufslob oder Keep-Going-Signal lässt sich viel erreichen. Man bestärkt hier zwar nicht so punktuell wie mit dem Click, jedoch gerade wenn man den Click oft mit Stimmlob unterstützt, so kennen die Pferde auch den Wert eines Stimmlobs, und es lassen sich damit wunderbar Emotion und Motivation übertragen im Sinne von „Gut, aber mach noch etwas weiter!“. Man ist nicht immer unmittelbar zum abrupten Abbruch gezwungen, der sich ja zwangsweise bei einem gut konditionierten Clickerpferd ergibt, da es stehenbleibt und auf seine Bestätigung wartet. Diese Vorgehensweise ist sicherlich überlegenswert, wenn man nicht dauernd den Bewegungsfluss unterbrechen möchte, beispielsweise für junge Pferde, die erst mal lernen müssen ihre Balance zu finden und sich ansonsten mit jedem Stehenbleiben neu sortieren müssen. Wir haben in letzter Zeit öfter die Diskussion geführt, wie viel Clickern ist beim Reiten sinnvoll?
Es bleibt einem jeden immer noch soviel Kraft,
das auszuführen, wovon er überzeugt ist.
Goethe
Mein Standpunkt ist: Ich möchte auch später beim Reiten, Longieren oder bei der Arbeit an der Hand nicht darauf verzichten – das steht fest. Allerdings ist es hier mehr als sonst notwendig, dass man nach den Anfängen wegkommt vom „jeden Schritt bestärken“, damit sich beim Pferd ein frisches Vorwärts problemlos entwickeln kann. Pferde, die in ständiger Erwartungshaltung nur mehr dahinstocken und sich einkringeln sind kein Reitertraum und machen wieder einen vermehrten Hilfeneinsatz notwendig, den man ja eigentlich so gut es geht reduzieren möchte. Das CT abgestimmt und dosiert angewendet, stellt aber sicher eine große Bereicherung dar – man muss es halt vom Pferd abhängig machen, da jedes einzelne anders ist. Eine große Herausforderung und man sollte wirklich gut durchdacht vorgehen, damit sich kein Frust auf beiden Seiten einschleicht.
Erwartungshaltung? (Bild von Steffi Doppler)
Mittlerweile sehe ich die Anwendung des CT's weniger engstirnig. Das wäre ja der Sache an sich und seiner Verbreitung nicht dienlich. Ich denke mir, wenn jemand die Grundlagen versteht (Welche Probleme können durch Vermischen verschiedener Trainingsstrategien entstehen?), ein halbwegs passables Timing hat, dann kann jede Pferd-Mensch-Beziehung dadurch bereichert werden. Ob man es nun nur für Zirkustricks oder eben im gesamten Trainingalltag einsetzt. Das CT hat enormes Potential, aber es muss jeder selbst entscheiden, wie viel er davon umsetzen möchte. Clickerpferde entwickeln teilweise eine große Erwartungshaltung, versprechen sich Spannung und Spaß im Beisammensein mit uns, und man sollte sich bewusst sein, worauf man sich einlässt. Ein sukzessives Abstrafen für Kreativität, die man einerseits fördert und andererseits dann wieder nicht haben möchte, schürt nur Misstrauen und Frust.
Alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten.
Baruch Spinoza
Generell bleibt mir eines anzumerken: Ich finde einfach, dass im Pferdetraining viel zu wenig belohnt und gelobt wird. Wenn man sich nicht mit dem Clicker anfreunden kann, dann sollte man sich wenigstens nicht davor scheuen, sein Pferd so oft wie möglich mit Stimme und Hand zu loben, aus ganzem Herzen zu loben. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Pferde sind Meister im Wahrnehmen von Emotionen, sie können unsere Absichten und unsere Gesinnung abschätzen und deuten - sie merken, wann wir es gut mit ihnen meinen. Ob nun mit oder ohne Clicker ist erst mal zweitrangig, denn der Grundsatz lautet ja: positiv bestärken. So gesehen ist das Wort "Clickertraining" etwas einseitig gewählt, steht es doch für mehr als nur den Einsatz einen mechanischen Knackfroschs. Es trägt zB wesentlich dazu bei, dass man lernt, die Leistungen seines Vierbeiners anzuerkennen und diesem Gefühl bewusst Ausdruck zu verleihen.
Sogar die Dressurstudien widmeten dem Thema "Wie Pferde lernen" einen Abschnitt in der Ausgabe 2/10. Der Beitrag von Eva Wiemers ist hier nachzulesen.
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